2007-02:We blocked G8

Aus grünes blatt
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We blocked G8

Demo in Rostock am 2. Juni 2007
Riesige Puppen beim G8 in Rostock
Windrädchen im NATO-Draht

j+h Als wir letzten Samstag mit vielen anderen bunten und frohgestimmten Gipfelgegnern in den ersten Zug nach Rostock stiegen, um an der Großdemo teilzunehmen (nicht jeder, der wollte, kam mit), ahnten wir nicht, was der Tag noch für brisante Schlagzeilen bringen würde. Auf der Demonstration stießen wir zu Freunden, die einen großen 'Herrschaftsverhältnisse fressenden' Drachen (in dem fünf Personen gingen) mitgebracht hatten. Mit diesem Drachen liefen wir in und neben der Demo entlang. Die Stimmung war toll: Dutzende Großpuppen, mehrere Sambagruppen und viele weitere kreative Beiträge prägten den Zug. Verschiedenste gesellschaftliche Gruppen von Kirchen, über Gewerkschaften bis hin zu Migrantenorganisationen waren vertreten. „Pink-Silver“-Cheerleader hüpften herum und skandierten „Grün ist out, Pink ist in“. Die Clownsarmee marschierte zu „wir sind Clowns und wir sind frei, ihr seid bei der Polizei“ und trieb ihren Armeen und Polizei veräppelnden Schabernack. Es herrschte fast ein wenig Volksfeststimmung.

Auch der „Schwarze Block“ formierte sich von Beginn an in der Demo, der aber nur ein kleiner Teil der großen bunten Masse war. Eine ganze Zeit lang sind wir mit Changie, unserem Drachen neben dem „Schwarzen Block“ gelaufen. Vor einem großen noblen Hotel, dass weiträumig von einem großen Polizeiaufgebot abgesperrt war, knallten aus diesem Block einige Böller, sonst war es, so hatten wir das Gefühl, auch hier ruhig. Die Polizei ignorierte die Böller und auch sonst hielt sie sich im Innenstadtbereich im Hintergrund (ein Polizeisprecher erklärte später in der Ostseezeitung eine Eskalation an diesem Punkt sollte auf jeden Fall vermieden werden, der Schaden wäre wohl auch noch größer gewesen als am Hafen). Erst als wir am Hafen ankamen, überholten wir den „Schwarzen Block“ endgültig und liefen auf den Kundgebungsplatz, ohne zu ahnen, dass es jetzt erst losgehen würde. Etwas später sahen wir von weiter weg weiße Helme auf den Platz stürmen und wieder flüchten. Etwas näher dran sahen wir dann auch fliegende Steine und Flaschen, haben uns dann aber zur eigenen Sicherheit in größerem Abstand gehalten.

Als wir eine Stunde später aufgrund des kühlen und schlechten Wetters den Platz verließen, konnten wir sogar den Bereich passieren, wo sich vorher die Auseinandersetzungen abgespielt hatten und später wieder aufflammen sollten. Den Wasserwerfer und Tränengaseinsatz haben wir dann nicht mehr mitbekommen. Wenn Leute Gewalt gegen Menschen verüben, lehnen wir das entschieden ab. Dies gilt sowohl für Gewalt gegen Polizisten, als auch für Gewalt von Polizisten gegen Demonstranten - diese gab es nämlich auch, sogar reihenweise bei völlig gewaltfreien Aktionen. Ein Punkt, der bei dem auf den Samstag folgenden Medienhype (der ja vielfach auf Aussagen der Polizei gestützt war, die im Nachhinein relativiert wurden oder gar durch die Medien erfundene Enten hoch gekocht wurde), kaum beachtet wurde. Wer die Eskalation herbeigeführt hat, wird sich wohl nie endgültig klären lassen. Die Polizei hat am Hafen ihre Deeskalationsstrategie, unserer Meinung nach, recht schnell fallen gelassen. Denn ihrem Einschreiten gegen Demonstranten ging sicher kein massiver Angriff von Seiten der Demonstranten voraus. Andererseits gab es sicher einige Demonstranten, die sich über diese Gelegenheit gefreut und sie sogleich auch ergriffen haben. Zum Glück zeigten die nächsten Tage dann auch noch ein anderes Bild von Gipfelgegnern und ihren Aktionen, so dass eine inhaltliche Diskussion wieder möglich wurde.

An den folgenden Tagen gab es mehrere thematische Aktionstage bei denen wir wieder mit dem Drachen „Changie“ unterwegs waren, um an vielen unterschiedlichen Gelegenheiten auf ungerechte und unzulässige Herrschaftsverhältnisse hinzuweisen. So gab es einen Aktionstag „globale Landwirtschaft“, einen Aktionstag Migration und einen Aktionstag Anti-Militarisierung. Insgesamt, so hatten wir das Gefühl, beruhigte sich die Atmosphäre an diesen Tagen wieder. Auch wenn die Polizei es nie vermied bei allen Aktionen den Demonstranten mit ihrem massiven Aufgebot ihre Stärke zu zeigen und Einschüchterung zu versuchen: Stets wurden Identitäts- und Taschenkontrollen bei den Demonstranten vorgenommen (eine von uns musste bei einer dieser Kontrollen aufgrund des Verdachtes von Rasierklingen ihre Schuhe ausziehen!), alle Veranstaltungen gefilmt und jeder, der einen schwarzen Kapuzenpulli oder auch nur Sonnenbrillen trug, grundsätzlich verdächtigt bei den Krawallen am Samstag beteiligt gewesen zu sein. Mit Sondereinheiten wurden direkt bei Veranstaltungen Verdächtigte festgenommen. Die Migrationsdemo wurde stundenlang von der Polizei aufgehalten und mit immer neuen Auflagen belegt. All dies schürte Demonstranten immer wieder auf und trotzdem war die Stimmung auf den Veranstaltungen meist recht fröhlich. Eine Diskussion über Repressionen seitens der Polizei gegenüber G8-Kritikern hat es aufgrund der Hausdurchsuchungen im Vorfeld schon gegeben und sollte angesichts der polizeilichen Maßnahmen in Rostock und Heiligendamm, unsrer Meinung nach, nicht aus dem Blick geraten und weitergeführt werden. Stündliche Hubschrauberüberflüge der Camps, die dann auch mal morgens um 6 für eine halbe Stunde über unseren Zelten kreisten, waren eine gezielte Provokation bzw. Einschüchterungsversuche. Denn selbst der Polizei dürfte bekannt sein, dass dies auch den friedlichsten Personen mit der Zeit ziemlich auf die Nerven geht. Wer es veranlasst hat, dass am Dienstag früh ein Luftwaffe Jet in nur etwa 100 Metern Höhe langsam direkt über das Camp flog und dann abdrehte, würden wir gerne wissen - denn über diesen hat die Polizei eigentlich gar keine Verfügungsgewalt, als Amtshilfe dürfte es auch nicht gelten. Andererseits musste ein „Übungsflug“ in der Flugverbotszone um Heiligendamm sicher auf jeden Fall abgesprochen sein.

Am Mittwoch gingen dann endlich ganz andere Bilder durch die Presse. Zusammen mit etwa 6000 anderen Demonstranten sind wir zu einer der Zufahrtsstraßen von Heiligendamm gewandert. Das entschiedene und gewaltfreie Vorgehen hat die Polizeikapazitäten schlicht überfordert, so dass zumindest bei unserer Blockade nur halbherzige Versuche die Demonstranten aufzuhalten unternommen wurden. Wir haben dann zusammen mit vielen anderen gut gelaunten Personen 12 Stunden auf der Straße verbracht (diese Blockade wurde dann noch bis Freitag Mittag aufrecht gehalten und dann von den Demonstranten selbst offiziell aufgelöst). Entscheidungen bezüglich der Blockade wurden von einem Delegiertenplenum beschlossen, zu dem sich Vertreter von Kleingruppen (sogenannten Bezugsgruppen) versammelten. An anderen Straßen wurden jedoch bei Blockaden oder gleich zur Räumung der Straße Wasserwerfer und Tränengas gegen friedliche Demonstranten eingesetzt, um die personelle Knappheit der Polizei wett zumachen.

Die Aktionen in diesen Tagen haben gezeigt, dass man auch ohne hierarchische Strukturen mit einer Gruppe von Personen etwas erreichen kann. Dabei wurde das höchstrichterlich bestätigte Versammlungsverbot für das Gebiet um den Zaun (Verbotszone 2) von den Demonstranten faktisch einfach außer Kraft gesetzt. Auch ohne Sternmarsch waren für 2 Tage Tausende im Gebiet um den Zaun unterwegs, formierten sich zu spontanen Demonstrationen oder Blockaden, besuchten den Zaun und hielten die Polizei auf Trapp.

Die große Blockade am Mittwoch vor dem Haupttor in Heiligendamm war ein tolles Erlebnis. Sie hat gezeigt, dass man mit Vielen etwas erreichen kann, dass ein gemeinsamer Konsens (auf keinen Fall Gewalt gegen Personen, Barrikaden und Gewalt gegen Sachen unerwünscht) auch bei 6000 Menschen möglich und umgesetzt werden kann. Zu sehen und zu beobachten, dass etwaigen Steinesammlern mit Argumenten der gemeinsame Konsens der Aktion dargelegt wurde, dass Entscheidungen zur Blockade und dem weiteren Vorgehen in einem Delegiertenforum entschieden wurden und gleichzeitig immer offen mit Kritik umgegangen wurde, bestärkte uns in unserem Anliegen und in der Form der Aktion.

Das gleiche gilt für das Camp und seine Selbstorganisation. Es ist wirklich toll, was dort an logistischer und organisatorischer Arbeit ohne hierarchische kommerzielle Strukturen geleistet wurde. Angefangen bei den Volxküchen, die die Campbewohner täglich mit warmen Biomahlzeiten versorgten bis hin zu den einzelnen „Barrio-“ (Zeltdorf-)Plenen, die das grundsätzliche Vorgehen im Camp entschieden. Das Basisdemokratie möglich ist, haben wir dort erlebt!

Auch wenn der G8-Gipfel trotzdem stattfand, Frau Merkel ihre Bilder im Strandkorb bekommen hat, sich Bush nicht an einem Erdbeertörtchen verschluckt hat und es die Ausschreitungen vom Samstag gab, so haben wir dennoch unseren Protest kund getan und mit den Blockaden den reibungslosen Ablauf des Gipfels gestört. Neu motiviert sind wir nach Berlin zurückgekehrt.

Unterstützung

Die Organisation der Camps, Volxküchen, Demos und Blockaden lief zwar ehrenamtlich, hat jedoch einiges Geld für Infrastruktur und Materialien gekostet. Die Spendentöpfe hierfür sind noch nicht ausreichend gedeckt, wer also ein paar Euro entbehren kann und auf diesem Wege die Protestaktionen unterstützen möchte, dem nennen wir hier noch einige Möglichkeiten:

  • Für die Camps und Küchen (www.camping-07.de): Verein Kuckuk, Konto 454880103, Postbank Berlin, BLZ 10010010
  • Block G8 (http://www.block-g8.org): Konto 400 8700 801, GLS Gemeinschaftsbank, BLZ 430 609 67
  • Rechtshilfe-Fond (http://www.ermittlungsausschuss.eu): Rote Hilfe e.V., Konto 191 100 462, Postbank Dortmund, BLZ 440 100 46, Stichwort: Gipfelsoli