2007-02:Kohlekraftwerke

Aus grünes blatt
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Inhaltsverzeichnis

Renaissance der Kohlekraft

Demonstration gegen das Kohlekraftwerk Mainz/Wiesbaden
.Während Angela Merkel inzwischen zur weltgrößten Umweltschützerin aufgestiegen ist und auf dem G8-Gipfel gar eine Erklärung durchsetzen konnte, dass man es ernsthaft in Erwägung ziehe, gegen den Klimawandel vorzugehen, lohnt eventuell ein Blick auf die Klimaschutzpolitik im eigenen Land, wie ernsthaft diese Erwägungen sein mögen.

Inzwischen ist von über 30 neuen Kohlekraftwerken die Rede, die in den nächsten Jahren gebaut und ans Netz gehen sollen - damit soll ein Großteil des deutschen Kraftwerkspark durch fossile Kraftwerke ersetzt werden, die für die nächsten Jahrzehnte die Energieversorgung dominieren werden. Kohlekraftwerke sind die mit Abstand klimaschädlichste Form der Energieversorgung - circa 1 kg CO2 pro gewonnene Kilowattstunde Strom (die Zahlen schwanken leicht - je nachdem ob importierte oder einheimische Kohle, bzw Stein- oder Braunkohle genutzt wird - siehe [1] für Details). Ein Gaskraftwerk produziert etwa die Hälfte, die verschiedenen Formen erneuerbarer Energien zwischen einem Zehntel und einem Zwanzigstel dessen, was ein Kohlekraftwerk ausstößt.

Zudem geht die Nutzung von Kohlekraft immer einher mit der Zerstörung von Landschaften und auch menschlichen Siedlungen - kaum ein anderer menschlicher Eingriff verursacht derartige Schäden - Grundwasserabsenkungen, geräumte Dörfer, unwiderbringliche Zerstörung von Naturlandschaften - der Kohletagebau hinterlässt gigantische Spuren der Verwüstung.

Wählbarer Klimaschutz?

Kleiner historischer Rückblick: »Klimaschutz ist wählbar« - so steht es auf einem aktuellen Plakat der Grünen. Wählbarer Klimaschutz - das dachten sich wohl auch die Bewohner des Dorfes Garzweiler in Nordrhein-Westfahlen, welches bei der Landtagswahl 1995 mehrheitlich für den Kandidaten der Grünen stimmte. Jedoch, die Grünen hatten seinerzeit Prioritäten auf ein anderes Projekt gesetzt - »Regierungsfähigkeit« - die Regierung in NRW musste auf alle Fälle fortgesetzt werden - und die Grünen im Vorfeld der Bundestagswahl von 1998 beweisen, dass sie bereit sind, für Ministerposten jede inhaltliche Position aufzugeben. Also stimmte man, mit viel Bauchschmerzen, Widerständen und Bedenken, dem Braunkohletagebau Garzweiler 2 zu (zur Rolle der Grünen siehe [2]).

Lacoma - FFH-Gebiet soll Bergbau weichen

Im Brandenburgischen Lacoma wird schon seit DDR-Zeiten um den Braunkohletagebau gestritten. Die Teichlandschaft ist bei der EU als FFH-Gebiet gemeldet worden. Im Dezember startete der Betreiber Vattenfall mit der Abholzung von Bäumen. Aktivisten von Robin Wood besetzten mehrere Bäume und verzögerten so die Arbeiten. Im Februar erzielten die Umweltverbände einen großen Erfolg - ein Gericht stoppte zunächst die Abbaggerung. Ob die Lacomaer Teichlandschaft in Zukunft als naturnahes Gebiet erhalten bleibt oder ob sie Vattenfalls Baggern weichen muss, scheint im Moment zumindest offen.

Exkurs am Beispiel des geplanten Kraftwerks zwischen Wiesbaden und Mainz

Nochmal Demo Mainz/Wiesbaden
.Ähnliche Geschichten ließen sich sicher von vielen Standorten erzählen, exemplarisch einige Details, weil hier verschiedene Bürgerinitiativen schon sehr aktiv sind und Informationen gut verfügbar.

Der lokale Energieversorger, die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW), beschloss im Juni 2006 den Bau eines neuen Kohlekraftwerks in der Ingelheimer Aue zwischen Mainz und Wiesbaden. Der Chef der KMV, Werner Sticksel, äußerte sich gegenüber kritischen Fragen zum Klimaschutz mit der kompetenten Äußerung »Dies ist kein Fond für Jugend forscht, sondern ein bankenfinanziertes Projekt«. Besonders Pikant: Die KMW betreibt bereits ein relativ modernes Gaskraftwerk - welches durch das Kohlekraftwerk ersetzt werden soll. Am 12. Mai fand eine erste Demonstration statt - 2500 Menschen versammelten sich gegen das Kohlekraftwerk und für Klimaschutz.

Krefeld stoppt Kohlekraftwerk

Etwas unwohl angesichts der aktuellen Debatte um Klimaschutz wurde es wohl den Stadträten in Krefeld. Im Chemiepark Uerdingen benötigt der Chemiekonzern Bayer mehr Strom - ein geplantes Kohlekraftwerk wurde jedoch, interessanterweise quer durch alle Parteien, vom Stadtrat abgelehnt ([3]).

Mediale Nebelgranaten - das CO2-freie Kohlekraftwerk

Allenthalben wird gerade ein Projekt gehypt - das sogenannte CO2-freie Kohlekraftwerk. Vattenfall baut in der Nähe von Cottbus eine Pilotanlage, RWE plant ähnliches. Dabei muss zunächst festgestellt werden, dass die Technologie der CO2-Speicherung in großem Maßstab im Moment nicht mehr als eine Idee ist - von der Realisierung noch Jahre, möglicherweise Jahrzehnte entfernt. Für die aktuell geplanten Kraftwerke spielt sie keine Rolle - diese werden mindestens für einige Jahrzehnte CO2 in die Atmosphäre pusten. Ob die Technologie jemals marktreif wird, scheint mehr als fraglich - es wäre nicht das erste große Projekt der Energieversorgungsbranche, welches außer der Versenkung von Milliardensubventionen nichts vorzuweisen hätte (Kernfusion, Schnelle Brüter). Desweiteren stellen sich mehrere Fragen zwecks der Sicherheit - da CO2 gasförmig ist, ist eine langfristige Lagerung alles andere als trivial - möglicherweise baut man sich hier, nach dem Atommüll, die nächste große Bürde, mit der kommende Generationen klarkommen müssen. Im Gegensatz zur Jahrtausende währenden Lagerung von Atommüll müsste das CO2 jedoch praktisch ewig - für den Zeitraum, den Menschen auf der Erde leben - sicher eingelagert werden.

Atomkraft oder Kohle - keine Frage, die man sich stellen sollte

Umweltaktivisten müssen sich allenthalben vorwerfen lassen, mit dem Widerstand gegen eine gefährliche Technologie eine andere zu unterstützen. So äußerte sich etwa Umweltminister Sigmar Gabriel »Wer den Neubau von hocheffizienten Kohlekraftwerken ablehnt, spielt der Atomlobby in die Hände« (Quelle: Jungle World, [4]). Auf der anderen Seite nutzt die Atomindustrie die aktuelle Debatte intensiv, um sich selbst als besonders klimafreundlich darzustellen - so startete der »Informationskreis Kernenergie« kürzlich hierzu eine Kampagne ([5]).

Glücklicherweise lassen sich die Aktivisten kaum auf derartige Debatten ein - viele Anti-Atom-Gruppen beteiligen sich am Widerstand gegen Kohlekraftwerke, ein erstes Vernetzungstreffen von Initiativen gegen die Kohlemeiler fand parallel zum Widerstandsfest am AKW Biblis statt. Die Antwort auf die Energieprobleme kann nicht lauten, ob wir lieber Atommüll oder Klimawandel haben wollen - genausowenig wollen wir gentechnisch optimierte Energiepflanzen von Monsanto. Die Energiewende muss bestehen aus der konsequenten Einsparung von Energie und dem Ausbau dezentraler, ökologischer und in Besitz der Bevölkerung organisierter Kleinanlagen.

[1] http://www.gemis.de/ [2] http://de.indymedia.org/2007/05/177464.shtml [3] http://www.cbgnetwork.org/1868.html [4] http://www.jungle-world.com/seiten/2007/23/10057.php [5] http://www.klimaschuetzer.de/

Lokale Initiativen:

Lacoma: http://www.robinwood.de/lacoma/ http://www.lacoma.info http://www.bi-lacoma.de http://www.lacoma-bleibt.de

Garzweiler: http://www.bund-nrw.de/garzweiler-ii.htm

Heuersdorf: http://www.heuersdorf.de/

Mainz/Wiesbaden: http://www.aku-wiesbaden.de/ http://www.kohlefreies-mainz.de/

Lubmin: http://www.lubminer-heide.de/

Karlsruhe (Initiative hat leider noch keine Webseite): http://www.ka-news.de/karlsruhe/news.php4?show=de2007428-2089C

Berlin: http://kraftwerksneubau.de/

Duisburg: http://www.buergerinitiative-duisburg.de/

Mannheim: http://www.attac.de/mannheim/gkm.php

Weitere: Beim BUND gibt's eine Übersicht über die geplanten Neubauten und Initiativen dagegen http://vorort.bund.net/klimaschutz/publikationen/publikationen_80/publikationen_273.htm