2007-02:Jetsam - unkontrollierbares Treibgut für die Ohren

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Jetsam:= engl. „unkontrollierbares Treibgut“ für die Ohren

– Radio von und für Aktivist_innen des G8-Protestes

emma „Spielraum für Proteste besteht besonders da, wo Unvorhergesehenes sich Platz schafft, wo dezentrale Aktionen sich aufeinander beziehen können, wo Koordination funktioniert.“ So steht es im Selbstverständnis von „Jetsam-Radio“ – einem temporären Medienprojekt in dem sich anlässlich des G8-Gipfels 2007 in Heiligendamm Menschen aus verschiedenen Teilen Deutschlands und darüber hinaus zusammengetan haben. Teils aktiv in freien Radiosendern, teils hatten wir vorher noch nie etwas mit Radio zu tun. Durch das produzierte Radioprogramm vom 1.bis 8. Juni wollten wir „verbal Räume und Möglichkeiten öffnen, beflügelnd wirken, (Aus-)Wege aufzeigen, aber auch kritische Reflexion ermöglichen.“

Infrastruktur geht auch dezentral...

Vor Ort wurden zwei Studios eingerichtet – eins im Independent Media Center (IMC) im Gebäude des Convergence-Center (CC) Rostock Evershagen und ein „Mobiles Studio“ in einem Übertragungswagen im Camp Reddelich. ‚Gesendet’ wurde über Internet-live-stream dessen Adresse auf der indymedia-Startseite verlinkt war.[1] Jetsam wollte mit seinem Radio-Programm die Aktivist_innen vor Ort unterstützen. Die Möglichkeit dem Radio z.B. an den Infopunkten zu lauschen wurde von einer unbekannten Gruppe ergänzt: Offensichtlich wurde der frei zugängliche Internetstream abgegriffen und über einen ‚Piratensender’ ausstrahlt – wir haben nicht schlecht gestaunt als Jetsam plötzlich im Camp Reddelich sowie auf den Blockaden westlich von Heiligendamm und in Steffenshagen über UKW zu empfangen war. Danke!

Ein Tag mit Jetsam-Radio...

Die kleine Gruppe von Radiomachenden begann ihre Arbeit meist um 8 Uhr morgens mit einem Rückblick auf den vergangenen Tag, dem sich eine kritische Presseschau auf Mainstreammedien anschloss – bei all den Fehlmeldungen und ungeprüft übernommenen Polizeiaussagen wurde die Notwendigkeit von alternativen freien Medien mehr als einmal deutlich. Die Zusammenarbeit mit den gut organisierten Indymedia-Strukturen erwies sich dabei als sehr sinnvoll – die Informationen konnten mit denen unserer Korrespondent_innen vor Ort ergänzt werden, so abgesichert und guten Gewissens veröffentlicht werden. Den Tag über gab es einmal stündlich „sandpiper“ – die Nachrichten auf mindestens deutsche und englische Sprache zu hören – weitere Sprachen ergaben sich je nach Beteiligung (Französisch, Italienisch, Russisch waren zeitweise dabei). Zwischendurch wurden aktuelle Situationsbilder durch Telefonschaltungen zu Korrespondent_innen vor Ort z.B. auf den Blockaden eingefangen, Hintergründe z.B. zu den Repressionsmaßnahmen der Polizei recherchiert, inhaltliche Schwerpunkte z.B. zu den Aktionstagen durch Interviews mit den Veranstalter_innen gesetzt und immer wieder versucht Mut zu machen und Motivation an die vielen aktiven Menschen ‚draußen’ zurückzugeben. Nachmittags gab es „Camping-Circus“ – Radioprogramm vom Camp in Reddelich. Hier wurden Gruppen vorgestellt, Infrastuktur erklärt und immer wieder echtes „live-Radio“ gemacht. Abends gegen 20.00 Uhr folgte eine Zusammenfassung der Geschehnisse des Tages und dann Abendprogramm solange ‚was los war’ und es noch Aktivist_innen gab, die die Augen offen halten konnten. Nachts durften sich die Zuhörenden mehrmals von live-DJ-sets erfreuen lassen.

... und nachdem die Regler runtergezogen waren?

Puh – ganz schön viel passiert in den zwei Wochen! Für mich, die sowohl den Sendebetrieb im Camp als auch im IMC miterleben dufte, eine intensive Zeit. Nicht nur akute Stresssituationen ‚draußen’ (z.B. Räumung der Blockaden), sondern auch im Studio selbst (Am Donnerstag, dem 7.6. gab es die Ankündigung, dass Nazis das CC angreifen wollten. Zu dieser Bedrohung kam zusätzlich die durch die Polizei, die das Gebäude umstellte und Personenkontrollen an den Ein- und Ausgängen durchführte.) erforderten höchste Konzentration um unseren eigenen Grundsätzen, keine Panik zu verbreiten und nur abgesicherte Informationen weiterzugeben, gerecht zu werden. Ich möchte sagen, wir haben das geschafft und ich habe selten so viel gelernt wie in diesen 2 Wochen. Gelernt im Bereich der Moderation, der (Studio-)Technik aber auch was selbstorganisierte Projektarbeit angeht, Kommunikation zwischen (internationalen) Gruppen und all die Lernprozesse die mensch selber erst viel später bemerkt. Der Schlafmangel ist bald ausgeglichen, die Erkältung abgeklungen und was bleibt sind die vielen neuen Kontakt, Ideen und das Wissen wie wichtig freie Medien in einer Welt sind, in der Mainstreammedien Polizeimeldungen über säurespritzende Clowns übernehmen, die nur Pustefix in ihren Wasserpistolen hatten.

Feedback zum Radioprogramm oder Kontakt unter jetsam ÄTT nadir.org[2]

Fußnoten

  1. Dort waren auch die verschiedenen Streams vom Forumradio – einem weltweiten Radioprojekt zu finden, dazu siehe http://forumderadios.fm/
  2. Zum Schutz vor automatischen Mailadressen-Robots, die nach Adressen suchen und diese dann mit Spam-Mails überfluten, ist diese Mailadresse für diese Robots unleserlich formatiert. Um eine korrekte Mailadresse zu erhalten muss ÄTT durch das @-Symbol ersetzt werden.