2007-02:Gentechnik-Kongress in Magdeburg

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gentechnik-Kongress in Magdeburg

fb Ende Juni fand in Magdeburg ein Gentechnik-Kongress der AGFG (Allianz für Gesundheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit) mit mehr als 120 TeilnehmerInnen statt. Themenschwerpunkte waren die gesundheitlichen Gefahren durch den Verzehr genetisch veränderter Organismen und die gentechnikfreie Landwirtschaft. Dazu waren einige Fachleute eingeladen worden, die Vorträge hielten und bei einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort standen. Unvermeidlich waren dabei anscheinend ständige Wiederholungen von Aussprüchen wie "Wir verkünden hier die Wahrheit" oder "Die Menschen warten auf Anworten auf ihre Fragen - wir können sie geben". Das ganze gemischt mit kruden Verschwörungstheorien zu einer dunklen Macht, die sich aus Konzernen, Politikern und anderen Interessengruppen zusammensetzen. Mit solcher vereinfachten Darstellung wird ein komplexes Herrschaftsverhältnisse erklärt, ohne der damit zusammenhängenden Wirkungsgefüge und Zusammenhänge gerecht werden zu können. Zwar wird dabei Macht kritisiert, aber scheinbar einfache Lösungen angeboten, die keiner tiefergehenden Analyse standhalten.

Auch das Vokabular der AGFG-Funktionäre[1] wirkte befremdlich: Konzerne und Politiker werden als "Soldaten" und "Offiziere" der Gentechnik bezeichnet, die Ausbreitung von GMOs (Genetically Modified Organism) als "Krieg". Eine Person sagte mir, dass das für sie sehr nach Sekte klingt. In der Tat wird die AGFG von vielen kritischen Polit-AktivistInnen als problematisch betrachtet. Einerseits bewegen sich - zumindest in Magdeburg - Parteileute innerhalb linker Gruppen und können daher nicht als unbedeutend abgetan werden. Andererseits enthält ihr Programm einige stark konservative Elemente und weist eine argumentative Nähe zu Positionen der Lebensschutzbewegung, die als rechtsökologische Strömung einzustufen ist, auf. Ich will damit keine politische Nähe unterstellen, sehe aber problematische Anknüpfungspunkte. Befremdliche Assoziationen weckten Formulierungen wie diese: "jeder Wissenschaftler, der sich nicht an diese (vorher aufgezählten, d.Verf.) Regeln hält, gehört vor ein Volkstribunal".

Die AGFG scheint ihre Position aus einer Sammlung von populären Protestforderungen zu bilden, bei denen viele einen nicht sehr tiefgründigen Eindruck erwecken. Und immer wieder kommt die pauschale Ablehnung der Medizin zum Ausdruck, die offensichtlich weitestgehend verteufelt wird.

Das Publikum bestand aus überwiegend älteren Menschen, Jugendliche sind rar. Alle bekannten Magdeburger Öko- und PolitakteurInnen fehlten komplett. Allerdings ist unklar, ob dies aus einer bewussten Distanz zu dieser Partei oder aus der bekannten Ignoranz gegenüber Initiativen anderer Organisationen resultierte.

Es war wichtig, dass in Magdeburg, der Landeshauptstadt der Gentechnik-Befürwortung (Umweltministerin Wernicke versuchte Investoren nach Sachsen-Anhalt zu locken, indem sie massive politische Unterstützung für die Gentechnologie ankündigte) ein Gentechnik-kritischer Kongress stattfand. Dass diese Veranstaltung ausgerechnet von der AGFG organisiert wurde, ist allerdings als schwierig zu bezeichnen. Die AGFG profiliert sich über das Thema und rührte massiv die Werbetrommel. Es war eine ganz klare Bezugnahme auf die Partei, die mit dieser Veranstaltung vorgenommen wurde, keine reine Fachveranstaltung zum Thema Gentechnik. Die AGFG will sich als Lösungsstifterin für die großen Probleme dieser Welt vermarkten.

Eine Vernetzung von Anti-Gentechnik-Aktivitäten über Verbandsgrenzen und Ideologien hinweg ist dagegen wichtig, um den herrschenden - hier Gentechnologie gegen den Willen der Menschen durchpeitschenden - Verhältnisse etwas Massives entgegensetzen zu können. Dazu müssen einige AkteurInnen (ich denke da an die renommierten Verbände) über ihren Schatten springen und mal auf Eigendarstellung und Label-Fixierung verzichten. Gleichzeitig sind Kritikfähigkeit (sowohl die offene Formulierung als auch das Aushalten grundlegender Kritik) unter den AkteurInnen, Transparenz über Aktivitäten und gleichberechtigtes Auftreten neben einer eigentlich selbstverständlichen Autonomie der Projekt bzw. Organisationen wichtig.

Fußnoten

  1. Die maskuline Endung ist bewusst gewählt - die Vorträge wurden ausschließlich von Männern gehalten.



In Reaktion auf den Artikel erreichte uns folgende Mail:

2007-04:Dr_Rath_und_die_AGFG/Reaktion