2007-02:G8 Luege

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

G8 – Ein wahre Lüge

jes Ein Woche war ich auf den Festivitäten rund um den G8 und habe einiges an Impressionen mitgebracht, die ich so nicht erwartet hätte. Dazu gehört auch die große Toleranz zwischen den vielen verschiedenen Weltvorstellungen der GipfelgegnerInnen und die vielen Ideen, über die an jeder Ecke diskutiert werden konnte. Aber der Reihe nach.

Bei meiner Ankunft am Freitag vor dem G8-Treffen stand ganz Rostock schon im Zeichen des Gipfels. Neben Tausenden vorwiegend jungen Menschen unterschiedlichster Couleur, deuteten auch diverse verbarrikadierte Geschäfte auf das kommende Großereignis hin. Auch die Polizei war stärker vertreten, als man das sonst in Rostock gewohnt ist. Alles in allem eigentlich schon das perfekte Vorspiel für das Stück, das dann am Samstag wie geplant aufgeführt wurde.

Nach monatelanger Panikmache in den Medien, Razzien im Umfeld der Bewegung wegen angeblicher terroristischer Vereinigungen und diversen Reden von allen wichtigen Scharfmachern der Republik, kam dann auch alles wie scheinbar geplant.

Nachdem die Auftaktdemo erst einmal viel zu friedlich war, entschied sich die Polizei dann doch noch kurz vor Ende des Demonstrationszuges, direkt aus der Demo mit zigtausend Menschen, Einzelne herauszugreifen und zu verhaften.

Danach eskalierte die Situation immer weiter, bis Wasserwerfer und Tränengas insbesondere im hinteren Teil der Demo dafür sorgten, dass friedliches Demonstrieren unmöglich wurde. So entstanden dann auch die Bilder von gegen die Polizei kämpfenden Menschen, die erwartet, ja, teilweise schon herbeigebetet wurden. Warum das ganze deeskalierend genannt wurde, entzog sich jedoch meines Verstandes.

Insgesamt waren die Krawalle dann aber doch friedlicher als gedacht und viel friedlicher als berichtet. Der Sachschaden von ca. 1 Millionen Euro und die zwei Polizisten, die ins Krankenhaus mussten, waren geringer als fast jeder 1. Mai in Berlin. Immerhin distanzierten sich alle möglichen Chefs von einander und auch in der Basis brodelte es. Ein Teilung, wie sie wohl beabsichtigt war, kam jedoch nicht zustande. In den Camps machte sich dann aber auch noch die Sorge breit, dass der offizielle Auftakt dann auch die Woche prägen würde, und einige reisten sogar aus Furcht ab. Aber weit gefehlt.

Schon am Sonntag beim Tag der Artenvielfalt blieb alles friedlich. Zwar verloren mehrere Felder mit genveränderten Organismen ihren Ertrag, da die Polizei aber wohl immer an anderen Stellen aufpasste, war dies ungefährlich. Auch „Besuche“ von Clowns bei Fastfoodketten endeten so friedlich, dass die meisten Medien einfach vergaßen darüber zu berichten.

Scheinbar damit sich das friedliche Aktivsein nicht ganz durchsetzt, begann am Tag der Migration dann die große Demo mit vielen Schikanen. Bei einer Demo, in der sogar offiziell ein Block ohne Papiere mitlief, sollten Vorkontrollen bei jedem und Personalien von jeder Person festgestellt werden, bevor die Demo loslaufen durfte. Da es hier wie erwartet zu keiner Einigung mit den laut Polizeiangaben 10 000 TeilnehmerInnen kam, wurde die Demo von der Polizei umstellt und gewartet. Worauf blieb unklar, aber wenn es Ausschreitungen waren, auf die gehofft wurde, wurde die Polizei enttäuscht. Mittlerweile hatten sich schon weitere Spontandemos in der Innenstadt gebildet und demonstrierten lustig drauf los, ganz ohne Polizei und sehr zu deren Entsetzen. Irgendwann wurde dann der großen Demo das Weiterlaufen erlaubt und den Spontandemos das Hinzustoßen. Vor der Innenstadt riegelte die Polizei dann aber wieder die Straßen ab und verbot das Weiterlaufen, weil es angeblich zu viele Demonstranten waren und man sie nicht in die Innenstadt lassen würde. Nach längeren ergebnislosen Verhandlungen und einer sportlichen Meisterleistung umging die Demonstration die Polizeisperren großräumig und demonstrierte friedlich durch die Innenstadt bis zum Hafen, fast genau wie es geplant war.

Interessant waren dabei jedoch die Nachrichten im Fernsehen. Während Tausende friedlich in der Innenstadt demonstrierten, meldete die Tageschau, dass es Ausschreitungen gegeben hätte und die Demo nicht bis in die Innenstadt gelangt wäre. Einen Beweis ihrer Sicht blieb sie schuldig. Ob sie die Presseinfos der Polizei gelesen hatte, ohne selbst zu recherchieren?

Diese Presseinfos blieben auch weiterhin ungewöhnlich. Am Dienstag, dem Tag gegen Krieg und Gewalt, konnte man von Säureangriffen durch Clowns auf Polizisten lesen. Später war dann doch nur Wasser in den Wasserpistolen. Alles in allem sorgte sie dafür, dass die Stimmung gereizt blieb. Auch die umfangreichen Kontrollen aller an der Friedensdemo Teilnehmenden verbesserte dies nicht. Nur der Gegengipfel wurde erstaunlicherweise überhaupt nicht von Polizeipräsenz begleitet, auch wenn manche der Forderungen ziemlich radikal waren. So wurde von nicht wenigen Menschen die Abschaffung des Kapitalismus gefordert. Etwas, dass an anderer Stelle wohl gleich zu massiven Eingriffen der Staatsmacht geführt hätte.

Unerwartet kam dann Bush schon am Dienstag an und so konnten die ersten harm- und eher erfolglosen Blockaden beginnen. Allerdings konnte man hier immerhin das erste mal den aktiven Einsatz von Panzern im Inland mitbekommen. Etwas, das im Verlauf des Gipfels so weit ging, dass ein Polizist mir mitteilte, dass, wenn wir durch den Zaun brechen würden, die Bundeswehr auch scharf schießen würde.

Richtig blockiert wurde dann erst ab Mittwoch. Entgegen den Erwartungen einer völlig überforderten Polizei, schafften es tausende Menschen an alle Tore des Zaunes um Heiligendamm und setzten damit die Landverbindung zum G8-Treffen außer Betrieb. Zwar wurde per Schiff und mit vielen Hubschraubern, auch von der Bundeswehr, sowie durch ein neues von der Polizei geschaffenes Tor im Zaun, die Versorgung in Heiligendamm aufrecht erhalten. Aber der Erfolg der Blockierer war trotzdem ein Misserfolg der Polizei. Insbesondere dadurch, dass die ganzen Blockerer entgegen der ständigen Polizeipresseinfos, völlig friedlich waren. Selbst das Hungern lassen der Polizei, die teilweise 16 Stunden ohne Essen auskommen musste, und diverse kleine Provokationen brachte nicht die von der Einsatzleitung wohl gewünschte Eskalation. Zwar kamen ab und zu Nachrichtenmeldungen an, in denen mitgeteilt wurde, dass die Demonstranten mit Molotow-Cocktails und Steinen die Polizisten angreifen würden, aber trotz eifrigem Hin- und Herrennen an der Blockade fanden die hunderten anwesenden Reporter die Szene einfach in der Realität nicht wieder. Und einige hatten sogar den Mut das zu berichten.

Am Donnerstag setzte die Polizei dann sogar offensiv Zivilpolizisten ein, um die gewünschte Eskalation herbeizuführen. Diese wurden jedoch von den Demonstranten überwältigt und an die Polizei übergeben. Ein Fiasko, das erst zwei Tage später eingestanden wurde. Auch wenn die Polizei natürlich behauptet, dass sie nicht provoziert hätte und dass hunderte Demonstranten aller Lager viel unglaubwürdiger sind als ein Polizist.

Letztendlich riss dann doch irgendwann der Faden der Geduld bei der Polizei und unter den Einsatz von 9 Wasserwerfern und Tausenden von Polizisten wurde ein der Blockaden mit aller Gewalt geräumt. Dass dabei einer Person sogar vom Wasserwerfer ein Auge ausgeschossen wurde, sehen die Verantwortlichen wohl als legitim an. Die offizielle Begründung für die Räumung war, dass sich jemand vermummt hätte. Erstaunlich, sind auf den Videos doch mehr Menschen mit unbekleideten Oberkörper zu sehen als sonst wo. Auch Menschen des „naked block“ wurden nicht verschont. So wurde gegen sie teilweise Pfefferspray eingesetzt. Was an der Nacktheit so gefährlich war, blieb mir auch unklar. Immerhin gibt es jetzt genug Videomaterial, dass die systematische Gewalt gegen friedliche Demonstranten beweist. Und von denen vielleicht sogar ein wenig in die Medien gelangen könnte, auch wenn diese sich als vierte Gewalt diesmal mehr als blamiert hatten.

Als Fazit bleibt mir, dass der G8-Widerstand vor Ort für Viele als sehr ermutigend wahrgenommen wurde. Trotz Sprachproblemen und unterschiedlicher Vorstellungen wurde gezeigt, dass dem System etwas entgegengesetzt werden kann. Und dass eigentlich auch Urteile vom Bundesverfassungsgericht, welches die Blockaden höchstrichterlich verboten hatte, bedeutungslos sind, wenn man einfach handelt.