2007-01:Reflexion zum Heftprojekt "Mensch Macht Tier"

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Reflexion zum Heftprojekt „Mensch Macht Tier“

sp „Mensch Macht Tier“ ist ein kürzlich erschienenes Themenheft in der Reihe „Fragend voran ...“, welches sich mit dem Mensch-Tier-Verhältnis beschäftigt. Veganismus und Tierechte sollen – so der Anspruch – vor einem ökologischen und herrschaftskritischen Hintergrund kritisch reflektiert werden. In dem 116 Seiten starkem Heft finden sich Artikel zu bioveganem Landbau, Containern, Kritik des Artenkonzeptes sowie (Anti-)Jagd. Jetzt, wo das fertige ‚Produkt’ vorliegt, will ich mir die Zeit nehmen und ein wenig über den Produktionsprozess des „Fragend voran ...“-Heftes nachdenken.

Verlauf des Projektes

Eigentlich wollte ich nur ein wenig zu dem Heft beitragen, das ja auch gar nicht von mir initiiert wurde. Das schien mir anfangs auch realistisch. Unbefriedigend fand ich allerdings, dass nach anfänglicher Dynamik im Frühjahr 2006 nicht mehr viel passierte –außer gelegentlichen Anflügen guter Ideen oder gegenseitigen Beleidigungen. Mehrfach habe ich mit einzelnen darüber geredet und hatte das Gefühl, dass sich das Projekt im Sande verlaufen wird, wenn es keine Menschen gibt, welche die Initiative ergreifen. Und irgendwann habe ich das dann getan, weil ich unbedingt wollte, dass es dieses Heft gibt.

So wurde ich spätestens Ende des Sommers 2006 zur zentralen, zuweilen (arg) dominanten Person rund um das Heft. In einem Umfang, den ich teilweise wahnsinnig fand: Anzeigenorganisation, Absprachen mit der Druckerei, Finanzen und Textproduktion ... überall empfand ich mich als sehr prägend und sehr einsam-aktivistisch unterwegs. An dieser Rollenlogik hat meines Erachtens erst wieder die Endredaktion ‚gekratzt’.

Zwischen Selbstentfaltung und Dominanz

Bei der Bewertung komme ich auf unterschiedlichen Ebenen zu ganz verschiedenen Schlüssen: Positiv war für mich das Erleben meiner eigenen Schaffens- und Organisationskraft. Bisher habe ich zwar einige Druckprodukte – selten ganz am Rand, aber auch fast nie ganz im ‚Kern’ – mitgemacht, aber bei Mensch Macht Tier war mir irgendwie besonders klar, dass ich meine Verantwortung nicht auf andere abwälzen kann (ich bin ja auch auf Hierarchien zugerichtet und trotz Reflektionsbemühungen reproduziere ich immer wieder solche Muster). Dabei habe ich mir einiges angeeignet, vor allem was den Organisierungsprozess rund um so ein Heft anbelangt. Und einige Ängste angegangen, z.B. die ‚Furcht’, Anzeigentelefonate nicht hinzukriegen, einen blöden Eindruck zu hinterlassen usw.

Auf der anderen Seite erschien und erscheint es mir super absurd, in einem - vom Selbstverständnis her – offen und herrschaftsfrei konzipierten Druck so eine zentrale Position eingenommen zu haben, begleitet von dem Gefühl, dass es irgendwie notwendig war. Weil ich weiterhin denke, dass es das Heft heute nicht geben würde, wenn ich nicht so durch- und dadurch manch andere mitgezogen hätte. Klar, das lässt sich nicht mehr klären – und vielleicht hätten andere einfach nur mehr Zeit gebraucht. Aber auf ein „Mal sehen, irgendwann entsteht schon was“, wie manche es wollten, konnte ich mich nicht einlassen, weil ich zu oft erlebt habe, dass es sich irgendwann verliert.

Geschlechterverhältnisse

Faktisch war das Projekt sehr ,männlich’ dominiert – mit spürbaren Folgen aufgrund der damit in dieser Gesellschaft verbreiteten Zurichtung. Auf der Mailingliste zum Projekt musste sich natürlich kein Mensch geschlechtlich definieren, weshalb meine Analyse nur davon ausgehen kann, wie sich die offen auftretenden Personen verhalten haben.

Zu den Folgen gehörte unter anderem die immer wieder kurz aufflammenden, dafür aber gleich sehr harten mackerigen Tendenzen auf der Mailingliste, wo die Menge der eigenen Internetlinks für technische ‚Schwanzvergleiche’ genutzt wurde. Dazu kamen mehrfach Beleidigungen mit sexualisiertem, teils von manchen als sexistisch empfundenen Begrifflichkeiten. Das wurde vor allem von der einzig auftretenden ,Frau’ deutlich kritisiert, gekoppelt mit der Aussage, dass sie in so einer Atmosphäre nicht sein will. Eine selbstkritische Reflektion gab es daraufhin nur sehr eingeschränkt, zudem kam es auch später wieder zu solchen Mailschlachten mit ähnlicher Logik.

Wichtig ist vielleicht der Zusatz, dass dieses Verhalten grundsätzliche, ausschließende Wirkungen entfalten kann, weil auch einige als männlich definierte Personen dabei nicht mitgehen wollen und sich unwohl fühlen. Insofern geht es nicht nur um Geschlechterverhältnisse, sondern um ein allgemeines Problem von Dominanz und Mackerigkeit.

Eine andere Kritik bestand darin, dass die Mehrzahl der Texte dominiert ist von abstrakten Betrachtungsweisen. Diese Entkopplung von Emotion und ‚Vernunft’ (auch so ein Dualismus wie die in manchen Textbeiträgen Angegriffenen!) entspricht sicher auch nicht ganz zufällig zweigeschlechtlichen Prinzipien, die ‚Frauen’ emotionale, ,weiche’ Sichtweisen, ‚Männern’ die harten Analysen zuweist.

Endredaktion

Die Endredaktion hat mir gut, ja mit der Zeit sogar richtig gut gefallen. Anfangs, vor allem in der ersten Woche, habe ich mich selber ziemlich gestresst und war angesichts der ,Textberge’ nicht sicher, ob ich mit dem Layout zügig genug sein würde für Korrekturläufe. Das habe ich, glaube ich, ziemlich überschätzt und mir unnötig Druck gemacht und das auch ausgestrahlt. Sehr schön fand ich, dass ich mich mal wieder auf gleicher Augenhöhe kooperieren konnte – etwas was mir generell fehlt und auch im konkreten Projekt habe ich mich oft gefragt, wie ich es eigentlich aushalte mit dieser hierarchisch-zentralistischen Struktur. Deshalb war es sehr angenehm, in der Endredakion gegenläufige Erfahrungen machen zu können: mich auf andere verlassen zu können, die sich eigenständig verhalten und selber den Überblick behalten (wollen!), die mir vermitteln, dass sie sich selber ernst nehmen . Zusammenarbeit mit anderen hat mir dabei selber wieder Spaß gemacht, obwohl ich mich ziemlich eigenbrödlerisch organisiere (aufgrund negativer Erfahrungen).

Kritische Punkte aus meiner Sicht gab es dennoch einige:

  • Bei der inhaltlichen Kürzung zweier Bildunterschriften war ich nicht wirklich sensibel dafür, dass es ein Machteingriff ist und habe das erst auf die Reaktion hin reflektiert.
  • Zeitlich war es doch eng, außer der reinen Layout-Arbeit auch noch intensiv und konstruktiv die Texte zu überarbeiten
  • Mir fiel es schwer, loszulassen und Verantwortlichkeiten zu teilen, im Hinterkopf wirkte immer noch ein diffuses Misstrauen anderen gegenüber weiter, das ich noch mehr abbauen bzw. wenigstens reflektieren will

Zensur?

Sehr blöd gelaufen ist der Vorgang rund um eine Reaktion auf den Text „Vegan – Ökologisch – Politisch“ (VÖP). Nachdem kurz vor der Endredaktion eine Person auf einen Foreneintrag verwies, der ins Heft könne und der sich an VÖP abarbeitete ... meines Erachtens mit beleidigenden Angriffen, Verdrehungen und wenig Inhalt, reagierte ich darauf erst mal mit Ablehnung und meinte, dass es schon ein eigenständiger Text sein müsse, um ihn reinzunehmen. Leider habe ich nicht klar genug formuliert, was ich darunter verstehe – das würde ich jetzt anders machen.

Der überarbeiteten Fassung ("Vegan ist nicht genug") des Foreneintrages haftete – aus meiner Sicht – immer noch vor allem das Beleidigende an. Und ein Text, der mehr ist als eine Reaktion, also sagt, wofür er steht, war es definitiv nicht. Ich wollte ihn so jedenfalls nicht drin haben, sondern allenfalls auf die Webversion verweisen. Andere sahen das anders, einige sprachen sich offen für den Abdruck aus.

Dann passierte zu lange nichts, ich habe auch erst sehr spät wieder gehandelt und den beiden Autoren die Idee vorgestellt, zwei gekürzte, aber für sich stehende Texte ins Heft zu nehmen, um die angepeilte Seitenzahl zu halten. Der Autor von VÖP meinte dazu, sich darauf einlassen zu können, wenn es wirklich ein Pro- und Contra geben würde, aber eine Textkürzung, nur um Raum für Anpissen gegen ihn zu schaffen, darauf habe er keine Lust. Der Autor der Reaktion wollte das nicht, weil er zu seinem Beitrag eine andere Auffassung vertrat und auch aus nachvollziehbaren Zeitgründen.

Das Ende der Geschichte ist: Abdruck von VÖP mit Hinweiskasten auf die nicht abgedruckte Reaktion. Das ist faktisch aber eben das, was Menschen innerhalb der Endredaktion sinnvoll fanden und durchgesetzt haben. Die Machtposition der Endredaktion war deutlich spürbar. Richtig geklärt im Sinne einer für alle tragbaren Vereinbarung war das nicht, was auch im Heft angedeutet wird.

Daher ist verständlch, dass der Autor von "Vegan ist nicht genug" von Zensur spricht: "Der einzig akzeptable Kompromißvorschlag des Autors der Erwiderung - beide Texte zur Hälfte anzudrucken und auf die Online-Fortsetzung zu verweisen - wurde abgelehnt, stattdessen wurde die Antiveganismushetze Bergstedts abgedruckt in dem Wissen, daß eh kaum jemand auf den Link zu Erwiderung - http://antispe.de/txt/veganistnichtgenug.html - gehen würde, so daß der Bergstdtsche Unfug da nun unwidersprochen steht: Zensur."

Allerdings gab es während der Erstellungsphase auch nie einen Austausch dazu, wie mit solchen Konflikten umgegangen werden sollte, gerade wenn der Rahmen ein offener sein soll.

Ausgrenzungstendenzen

Wirklich bunt zusammen gewürfelt war die Heftgruppe nicht. Zwar gab es Beteiligte aus ökologischen, herrschaftskritischen und antispeziesistischen Spektren, aber breit getragen war das Heft nicht. Die überschaubare Anzahl der Autorinnen und die offensichtliche Prägung durch mich und Franz zeigt das deutlich. Und aus meiner Sicht wurde auch zu wenig versucht, Offenheit herzustellen durch entsprechende Werbung, Transparenz oder gezieltes Ansprechen von Personen.

Dazu kamen unterschwellige Ausgrenzungstendenzen innerhalb des Projektes, die sich vor allem gegen eine Person richteten. An manchen Stellen fand ich es sehr auffällig, dass hier Machtkämpfe ausgetragen werden: So wollte eine Person nicht, dass ein Text rein kommt, der nicht unter einer völlig freien Lizenz veröffentlicht werden sollte – ohne dass es eine Debatte dazu gab, ob überhaupt das gesamte Heft so frei verfügbar sein sollte (gut gefunden hätte ich es schon, aber das Ergebnis jetzt finde ich auch okay). Mein Gefühl: Da will wer einen Text kicken und schiebt eine Sachargumentation vor. Ähnlich wurde der Streit um zwei parallel entstehende Glossars geführt – als ob kreative Lösungen, die beides zulassen (wie es jetzt der Fall ist) unmöglich wären.

Bestätigung für diese These finde ich auch darin, dass nach Druckschluss plötzlich eine Debatte darum losging, ob die latent ausgegrenzte Person nicht mit zu vielen Links in der Literatur und Linkliste vertreten sei. Das müsse geändert werden – und ich war erschrocken, welche harten Eingriffe gefordert wurden von Menschen, die ein Projekt als offen einstufen. Ohne kritische Interventionen, auch von mir, hätte ich aber arge Zweifel gehabt, wie dieser und andere Vorgänge ausgegangen wären. Ein von der Richtung her offener Prozess wäre es nicht gewesen, da bin ich mir leider sicher.

Anmerkungen

Gekürzte und verändertet Version - der ursprüngliche Text:
http://buchprojekt.antispe.org/wiki/Feedback:Produktion_Sanduhr472