2007-01:Niemand liebt DICH - wieso ICH?

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Zwickmühle:

Niemand liebt DICH - wieso ICH?

fb Marion Bach und Hans-Günther Pölitz liefern ein sehr dynamisches Schauspiel, das immer wieder mit satten Treffern an Gesellschaftskritik landet, aber trotzdem fließend rüberkommt. Ihre Anspielungen kommen zum Teil versteckter als bei anderen Kabarett-Aufführungen. Angenehm fällt auf, dass Ostwitze in diesem Stück keine so dominante Rolle spielen, wie bei anderen Kabarett-Vorstellungen in Magdeburg.

Die Bundeswehr und der Handyboom werden immer wieder zum Thema und kommen plötzlich in Zusammenhang, wenn Pölitz über die Hintergründe der Kämpfe im Kongo aufklärt. Coltan ist ein Erz, das für Handys und andere Hightech-Geräte zum Einsatz kommt. Wegen diesem Rohstoff wurden in Afrika Tausende Menschen umgebracht. Vom Kongo gehts in "deutsche" Schulen: Warum sind die Bundeswehr-SoldatInnen im Afrika-Einsatz? Weil sie im Kongo lernen sollen, mit bewaffneten Kids umzugehen, um dann später an deutschen Schulen eingesetzt werden zu können - als Vertrauenslehrer... Auch der Schädel-Skandal in Afghanistan ist nicht vergessen: "Bundeswehr - ein Beruf mit Köpfchen".

Ein sehr schöner Dialog setzt sich mit einem bekannten Slogan auseinander: "Ohne Deutsche soll kein Krieg mehr ausgehen." - "Nein, es heißt von deutschem Boden soll kein Krieg mehr ausgehen." - "Deshalb versuchts der Schäuble jetzt aus der Luft...". Aber nach der Pause erstmal ein Niveau-Abfall und es geht vor allem mit oberflächlichen Wortspielen weiter. Mit einer deutlichen Kritik am seit einiger Zeit wieder geschürten Patriotismus werden die Beiden wieder besser. Aus dem Versprecher "Patrioten" wird "paar Idioten" - und dann: "Wenn man erst mal in dieser (patriotischen, d. Aut.) Stimmung ist, ist der Unterschied dazwischen sehr klein...".

Auch wenn die Zwickmühlen-KabarettistInnen vieles hinterfragen, reproduzieren sie einige Rollenbilder sehr unreflektiert. Lustig soll es sein, wenn die Rolle der Frau ist, die intellektuellen Anspielungen "ihres Mannes" nicht zu verstehen, während dieser ständig Geschichtsdaten parat hat und sie über Politik aufklärt. Dass nach Sprüchen wie "Was hat Gott gesagt, als er die Frau schuf? - Hirn ist alle, jetzt gibt's Titten!" eine empörte Reaktion der Person in Frauenrolle kommt, wirkt nachvollziehbar, aber kann die Normalität solcher Witze und Rollenbilder nicht entschärfen. Und solche patriarchalen Dialoge kommen häufiger: "Der intelligente Mann benennt die Dinge beim Namen." - "Die intelligente Frau sagt..." - "Jetzt fang nicht mit Science Fiction an!"

Am Ende begeistern Marion Bach und Hans-Günther Pölitz nochmal mit einer richtig widerständigen Abschlussstimmung. Das ist selten im Kabarett, das ja meistens gesellschaftliche Zustände zwar hart kritisiert, insgesamt aber durch den Kakao zieht. Das Schlusslied der Beiden dagegen sendet eine aktivierende Botschaft aus.