2007-01:Kein "Schöner Wohnen" in dieser Zeit

Aus grünes blatt
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Kein "Schöner Wohnen" in dieser Zeit

Offenes Projekt im Entstehen

fb Es ist ein großes Haus mit Raum für Seminare, Werkstätten, Medienplattform, Bibliothek und mehr. Anlaufpunkt und Ausgangsbasis für emanzipatorisch interessierte politische Leute. Aber auch offen für alle Anderen und Reibungsfläche mit der Normalität. Ein großes Grundstück bietet Platz für Garten, Wägen, Anbauten und neue Ideen. Hier gibt es keinen Vorstand, der festlegt was zu geschehen hat, und kein Plenum segnet die Vorschläge kreativer Menschen ab. Das Haus, die Projekte darin und drumherum sind ein laufender Prozess aus Kommunikation, Aktivitäten und Veränderung. Da es niemanden gibt, "die den Hut aufhat", tauschen sich die Menschen hier über ihre Ideen und Vorhaben aus und teilen einander mit, wenn sie Probleme sehen. Kritik ist willkommen, alles kann in Frage gestellt werden, aber die Entscheidung darüber, was sich dann auch wirklich verändern wird, liegt immer bei denen, die konkret betroffen sind.

Gerade laufen die ersten Aktivitäten zum Ausbau des Hauses, ein günstig erworbenes sanierungsbedürftiges Gebäude mit wild bewachsenem Gelände drumherum am Rand der Siedlung. Eigentümerin ist jetzt eine Stiftung, die aber über einen speziellen Vertrag allen an der Nutzung interessierten Menschen freie Gestaltungsmacht übertragen hat. Nur eine Privatisierung oder Kommerzialisierung darf nicht geschehen. Das Haus, das Grundstück und alles darauf und darin ist "enteignet". Es gibt kein Privateigentum oder Kollektiveigentum. Hier wird experimentiert mit "Horizontalität" - dem Umgang miteinander "auf gleicher Augenhöhe", also mit dem Anspruch einer umfassenden Gleichberechtigung.

Aber zurück zu den Bauarbeiten. Holz und anderes Material wurden "containert" (aus den Abfallcontainern von Firmen und Händlern "gerettet" und weiterverwendet), von Baumärkten und Handwerksbetrieben gespendet oder im Tausch gegen Werbeanzeigen in einer befreundeten Zeitung erworben. Das wenige Geld, das noch gebraucht wurde, kam von einer Stiftung, denn dieses Projekt ist gleichzeitig Modell für ökologisches Bauen. Auf ähnliche Art und Weise wurden auch Geräte und Technik besorgt. "Selbstorganisation" heißt das Prinzip, an dem sich hier orientiert wird - der Versuch, möglichst unabhängig vom "Markt" und vom Zwang zu Lohnarbeit und ähnlich zeitaufwendigen Geldbeschaffungsmaßnahmen zu werden und trotzdem alles nötige - und machmal noch mehr - zur Verfügung zu haben.

Während eine Gruppe junger Menschen aus verschiedenen Teilen Europas einen Anbau aus Strohballen errichten - hier sollen einmal Seminar- und Schlafräume entstehen, werkeln Andere im Haus, reißen alte Zwischenwände ein und gestalten das Innere völlig neu. Hier soll einmal ein lokales unabhängiges Medienzentrum (in der Art der Independent Media Centers - IMCs - siehe http://de.indymedia.org) seinen Platz finden und Raum für weitere offene Büroinfrastruktur geschaffen werden. Die Leute kommen aus ganz verschiedenen Projekten, die sich immer wieder gegenseitig unterstützen, aus Politgruppen von überall her oder haben einfach von dem neuen Projekt gehört und fanden es spannend, hier eine Weile mal aktiv zu werden.

Es gibt keinen festen Plan, wie alles einmal werden soll. Für einzelne Bereiche (z.B. die Medienplattform oder den Strohballenbau) haben sich interessierte Leute zusammengefunden, die weitestgehend autonom überlegt haben, was passieren soll. Natürlich haben sie sich auch mit anderen ausgetauscht, damit entstehende Flächen sich gegenseitig ergänzen und einander nicht im Wege stehen. Und auch für die Materialorganisation besteht ein reger Austausch, da es unsinnig wäre, wenn alle nur das besorgen, was sie selbst brauchen. So ist schon der Bauprozess ein in Ansätzen utopisches Unterfangen.

Auch wenn in einigen Monaten die dringensten Arbeiten geschafft sein werden, wird das Bauen und Werkeln immer weitergehen. Das Projekt hat keinen Endzustand, denn es ist Raum genug, um immer neue Ideen umzusetzen. Gerade trifft sich ein Grüppchen, das hier eine kleine Druckerei einrichtichten will und überlegt, welche Räume dafür mitgenutzt werden könnten und was noch angebaut werden muss.

Diese Geschichte ist (noch) fiktiv. Aber es gibt verschiedene Menschen, die etwas ähnliches initiieren wollen. Erste Ansätze dazu wurden in einer Internet-Wiki-Seite zusammengetragen (http://web-designing.de/projekt/wiki). Aber Internet und Computer sollen nicht die einzigen Kommunikationsebenen sein. Du kannst beispielsweise im Jugend-Umweltbüro anrufen (+49 391-55 70 753) oder mit den Beteiligten ins Gespräch kommen und mitmachen.

Übrigens, zum Titel "Schöner Wohnen": Die bisher an der Projektidee Beteiligten waren sich in einem schon sicher - dass dies kein weiteres "Schöner Wohnen"-Projekt mit ein bisschen politischem Anspruch werden soll, sondern es um ein politisches Zentrum geht, wo aktive Leute selbstverständlich auch leben können. Dieses Zentrum soll nicht das Projekt einiger Leute werden, die hier nun ihren Schwerpunkt sehen. Vielmehr geht es um die Idee eines Netzwerkes "Offener Räume", von denen dieser nur einer ist. Diese Projekte sollen nicht speziellen Gruppen zugeordnet sein, sondern von immer wechselnden Menschen genutzt und "betrieben" werden. Damit wäre es ein Teil des Netzwerkes, das auch als "Widerstands-NomadInnen" diskutiert wurde.


Mitten aus der Utopie

fb In diesem Text geht es um die politischen Vorstellungen zur Wirkungsweise und Entwicklung des "Schöner Wohnen"-Projekts.

Irgendwo am Rand eines Dorfes oder einer Stadt - und gleichzeitig mit angrenzender Natur, z.B. einem Wald - steht eine Projektwerkstatt. Das ist ein größeres Gebäude mit viel Außengelände, wo sich Werkstätten, Büroräume und Archive befinden. Insgesamt all die Infrastruktur, die politische Projekte, Kampagnen und Aktionen ermöglicht und erleichtert. Der Standort wurde mit Bedacht gewählt. In die Überlegungen flossen die Verkehrsanbindung (gute Erreichbarkeit per Trampen und Wochenendticket-Reisen), Selbstorganisationsmöglichkeiten (z.B. zum Containern oder Schnorren von Material und Lebensmitteln), politische Rahmenbedingungen (wie wichtige Institutionen oder lokale Gegebenheiten) und die Verteilung anderer Offener Raum-Projekte mit ein. Somit ist der Rahmen der Möglichkeiten hier gut bis ideal für selbstorganisierte politische Aktivitäten.

Am anderen Waldrand ist eine umgebaute ehemalige Gartenlaube, das "Haus des Waldes". Hier gibt es einen kleinen Versammlungsraum und Infotafeln an den Wänden. Von diesem Haus ausgehend finden ab und zu naturkundliche Exkursionen statt und von hier aus werden auch Informationsveranstaltungen zu allen möglichen ökologischen Themen organisiert. Dadurch hat das "Haus des Waldes" Bekanntheit als Umweltorganisation bekommen, die auf lokale Besonderheiten hinweist, den Menschen vor Ort die Natur "vor der Haustür" nahebringt, aber auch auf globale Zusammenhänge eingeht. Immer wieder gibt es hier auch fundamentalkritische Veranstaltungen, z.B. zur komplett verfehlten Klimaschutzpolitik oder wo der sogenannte "Atom-Konsen" als Atomkraft-Verlängerungsvertrag demaskiert wird. Die Leute, die im "Haus des Waldes" aktiv sind, haben sich mit anderen NaturschützerInnen in Verbindung gesetzt und vernetzen ähnliche Aktivitäten. Sie arbeiten sich in regionalspezifische Themen ein un informieren darüber. Da Naturschutz ein Einstiegsthema für politische Arbeit auf niedrigem Level ist, werden hier viele "einfache Leute" erreicht und für weitergehende Themen sensibilisiert.

Genauso autonom organisiert wie das "Haus des Waldes" hat sich ein Grüppchen von Leuten zusammengefunden, das jede Woche in der Innenstadt eine öffentliche Volxküche veranstaltet. Da können dann an einem kleinen Stand mit Tischen und Bänken alle, die es wollen, kostenlos oder gegen Spende essen und sich über dies und das informieren. Häufig hat die Volxküche ein Thema und sie wird auch darüber hinaus von verschiedenen Gruppen zum regen Austausch genutzt. Das Essen ist fast vollständig containert oder geschnorrt und das wöchentliche Gratisessen wird auch zum Anlass genommen, die Ideen von Umsonstökonomie und Selbstorganisation zu verbreiten. Die Volxküche arbeitet auch eng mit der neu gegründeten örtlichen Lebensmittelkooperative zusammen. Dort sind Menschen organisiert, die den vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum effektiv gemeinsam nutzen wollen, abwechselnd containern, sich zum gezielten Spendenanfragen bei lokalen HändlerInnen und überregionalen Biofirmen verabreden und weitere alltägliche Organisationsarbeiten koordinieren. Zum Beispiel das wöchentliche Aufstrichkochen. Verschiedene Leute bereiten aus übriggebliebenen containerten oder überschüssigen selbstangebauten Früchten Marmeladen und würzige Aufstriche, die sie dann austauschen und innerhalb der Kooperative verteilen. Immer wieder werden neue "Connections" zu Firmen und Projekten in der Region aufgebaut, die weitere Lebensmittel und anderes Sinnvolle beinhalten.

Einmal pro Woche wird ein Bauwagen, der als Umsonstladen gestaltet wurde, in die Innenstadt gezogen. Auf dem Gelände der Projektwerkstatt hat er immer geöffnet, in der Stadt dagegen nur zu bestimmten Zeiten. Die Bewerbung dieses Projekts in den Medien und über Postwurfsendungen hat dazu geführt, dass viele BürgerInnen Klamotten, Geräte, Bücher und vieles mehr, das sie nicht mehr brauchen, vorbeibringen und anderen daher kostenlos bereitstellen. Auch der Umsonstladen dient der Thematisierung einer alternativen Ökonomie, die nicht auf dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung aufbaut. Er ist aber auch für die Leute aus den verschiedenen Projekten Quelle aller möglichen Dinge, die so gebraucht werden können.

Von hier aus hat sich auch ein "Infrastrukturpool" entwickelt. Dieser ist im Wesentlichen ein Infosystem, in dem Leute mitteilen, welche Geräte(z.B. Bohrmaschine, Motorsäge), Infrastruktur (Telefon- oder Internetflatrate) und Kompetenzen (z.B. Englisch-Nachhilfe) sie Anderen zur Verfügung stellen wollen. Da kaum jemand ihre Gerätschaften ständig nutzt, haben viele - auch "normale" - BürgerInnen festgestellt, dass sie sich solche teilen können und damit auch Geld sparen. Auch der lokale Tauschring ist in Infrastrukturpool und Umsonstladen eingebunden. Allerdings löst er sich allmählich auf, da seine Mitglieder festgestellt haben, dass sie genausogut ihre Leistungen auch ohne Gegenwert bereitstellen können, weil so viel mehr Leute ihrerseits Material und Know-How anbieten und in der Gratisökonomie die Verwaltung der Tauschring-Währung wegfällt.

Dies sind nur einige Projekte aus dem Umfeld des "Schöner Wohnen"-Projekts (dessen Titel auch dringend verändert werden sollte), genügen aber bereits, um einige wichtige Vorgehensweisen und Wirkungen zu demonstrieren: die Autonomie der einzelnen Projekte, die Vermittlung tiefergehender Kritik und Utopieansätze über Einstiegsangebote an Nicht-Politaktivistis sowie die Kooperation zwischen den Projekten. Zwar wurde einiges davon von den neu hinzugezogenen Aktivistis initiiert, aber diese haben sich frühzeitig in Verbindung mit lokalen Gruppen und den "Menschen auf der Straße" gesetzt und so laufen verschiedene Projekte von Anfang an eigenständig und selbstverantwortlich. Auch ein neues Medium hat mit den Aktivistis Einzug in die Stadt genommen: das "Unabhängige X-Dorfer Wochenblatt", das in der Medienplattform der Projektwerkstatt zusammengestellt wird. Es ist eine Mischung aus Indymedia-Nachrichten, selbstgeschriebenen Artikeln und Lokalnews Querbeet von Politik über Kultur bis zu den Kommunalinfos, die immer mit dabei sein müssen. Besondere Bedeutung haben die LeserInnenseiten, wo Kommentare und Diskussionen des Publikums abgedruckt werden. Regelmäßig lädt die Zeitung auch zu Medienworkshops ein, damit sich auch "ganz normale Leute" zutrauen etwas für die Zeitung zu schreiben. Anfangs wurde die Zeitung in alle Briefkästen eingeworfen. Da sich auf das Abo-Angebot hin eine Vielzahl von Leuten zurückgemeldet hat, entsteht gerade die Idee, der alten konservativen Tageszeitung ernsthafte Konkurrenz zu machen.

Dass alle Einzelprojekte voneinander unabhängig organisiert sind, hat viele Vorteile. Beispielsweise sinkt das Risiko einschneidender Konsequenzen beim Scheitern eines Projekts, weswegen auch leichter mal experimentiert werden kann. Auch die üblichen Aversionen gegenüber allzu radikalen Gruppen kommen nicht voll zum Tragen, da die jeweiligen Projekte unabhängig voneinander auftreten. Es gibt auch keine zentrale Steuerung und nur wenige personelle Überschneidungen, dafür aber viel Austausch und vielfältige Erfahrungen mit alternativer Organisation. Selbst der Staatsschutz, der längst aufmerksam geworden ist, blickt hier nicht durch.

Inzwischen hat sich auch einiges organisatorisches Wissen angesammelt, von dem möglichst Viele profitieren sollen. Damit das Wirklichkeit wird, finden immer wieder unterschiedliche Selbstorganisationsseminare statt. Zum Beispiel zum Stellen von Finanzanträgen, zur Vereinsorganisation und Workshops zum effektiven Spendenaquirieren. Einige der Projekte werden über EU-Mittel finanziert, andere von Stiftungen bezahlt. Dabei entstehen immer wieder Überschüsse, die für neue Projekte mitgenutzt werden können. Ziel ist immer eine geldunabhängige Organisation der Projekte, was aber nicht immer völlig umgesetzt werden kann.

Bekanntlich steht das "Schöner Wohnen"-Projekt nicht isoliert für sich, sindern ist Teil eines Netzwerkes Offener Räume. Hier aktive Leute organisieren auch in anderen Städten Projekte und vernetzen sich miteinander. Dabei entstehen Zweck-Kooperationen (z.B. steht die Druckmaschine auch anderen Projekten zur Verfügung) und ein reger Austausch über Strategien, Methoden und Erfahrungen. Eine noch nicht ganz ausgereifte Idee ist ein Selbstorganisationskongress, der regelmäßig in mehrjährigem Abstand aus diesem Netzwerk heraus - aber auch offen für weitere Aktivistis - veranstaltet werden soll. Bislang fanden zu einzelnen Themen (z.B. Finanzierungsworkshops, Dominanzabbau-Seminare, Selbstorganisations-Trainings) Weiterbildungsveranstaltungen statt, die in diesem Kongress zusammengeführt werden könnten. Dann werden wieder einzelne Themenstränge autonom organisiert, der Gesamtrahmen aber effektiver bereitgestellt. Ein bisschen erinnert diese Idee an den Jugendumweltkongress, allerdings ist dies hier zielorientierter und mit höherem Anspruch an Koordination und Organisation. Der Kongress soll dem Austausch der bereits Aktiven, dem Aneignen weiterer Kompetenzen, aber auch der Erreichung bisher nicht aktiver Menschen dienen.

(Wie vermutlich schon zu bemerken war, handelt es sich hier um die fiktive Beschreibung eines Projektes, das aber so oder ähnlich Wirklichkeit werden soll. Daran Interessierte sollen sich bitte melden - z.B. unter magdeburg@projektwerkstatt.de.)


Offenheit in einem Projekt mit großen Ansprüchen

fb Dieser Text ist ein Diskussionsentwurf, der gern erweitert werden kann und soll.

Dieses Projekt verfolgt einen utopischen Ansatz, der sich irgendwie mit "herrschaftskritisch" oder "emanzipatorisch" umschreiben lässt, was aber noch nicht viel aussagt. Es soll ein "Offener Raum" sein, ein Experimentierfeld für utopische Organisierungsprozesse und Umgangsweisen sowie Reibungsfläche mit der Normalität. Dabei sollen gewohnte Denkmuster und Handlungsweisen zum Teil komplett in Frage gestellt und andere - herrschaftsfreie bzw. sich diesem Ziel annähernde - Ansätze vermittelt und ausprobiert werden.

Schon im Projektansatz steckt jedoch ein wesentliches Problem: diejenigen, die diese (zum Teil ja sehr utopische) Idee verfolgen und den Anspruch haben, sie auch wirklich umzusetzen, haben sich überdurchschnittlich stark mit Herrschaftskritik, Selbstorganisation und Methoden auseinandergesetzt. Die Zielstrebigkeit, mit der sie sich auf die Realisierung der Projektidee zubewegen, wirkt auf Unerfahrenere oder weniger stark dazu motivierte Personen unter Umständen ausschließend, elitär, nicht-offen. Sollte sich aus den hohen Ansprüchen der Projektbeteiligten aus der Startphase ergeben, dass Andere sich gar nicht dazutrauen oder keine Lust darauf haben, wäre das Gegenteil des eigentlichen Ziels (Offenheit, Horizontalität) erreicht - ein komplexer, hochprofessioneller und gut ausgerüsteter Bereich, der nur von Wenigen genutzt und gestaltet wird.

Allerdings wäre es auch wenig sinnvoll, emanzipatorische und auf Realisierung ausgerichtete Ansprüche abzulegen, um diesem Problem zu begegnen. Wahrscheinlich wird es sowohl eines gezielten Kommunikationsprozesses mit bisher "Außenstehenden" als auch wohlüberlegter Transparenzschaffung bedürfen. Beides birgt Probleme in sich, die sowohl theoretisch/abstrakt als auch praktisch durch Erproben im Alltag zu bewältigen sein werden. Unüberlegte Transparenz kann schnell zu einer Informationsflut führen, die auch nicht mehr Durchblick, sondern Orientierungslosigkeit schafft (die JUKSSe der letzten Jahre sind mit ihren unzähligen und noch immer nicht ausreichend praktikabel strukturierten Infowänden ein gutes Beispiel für Nicht-Wissen aufgrund von Informationsflut). Ebenso kann die Kommunikation darüber, wie das Projekt offen gestaltet werden kann, nicht einseitig von den InitiatorInnen geführt werden, weil sich damit die Hierarchien im Wissen und Wirken weiter verfestigen würden.

Offene Organisierungsgruppe?

Da machen sich sofort einige praktische Fragen auf. Zum Beispiel: ist die jetzt an der Projektvorbereitung aktive Gruppe "offen" und lädt alle Interessierten (offensiv) dazu ein, zusammen an dem neuen Projekt zu arbeiten? Oder wollen die hier wirkenden Leute einen engeren Organisierungsprozess nicht mit "allen", sondern mit individuell ausgesuchten Personen führen, mit denen sie eine angenehme Arbeitsatmosphäre haben? Die "Atmosphäre" hat häufig Auswirkungen auf die Motivation und das Engagement der Beteiligten, weswegen es sinnvoll sein könnte, keinen Zwang zur "offenen Orgagruppe" zu schaffen. Aber hierzu müsste (zuerst?) mal ein Austausch stattfinden.

Es ist naheliegend, dass die Unterstützung aller Interessierten willkommen ist und dass solche Hilfestellungen sogar notwendig sein werden, damit das Projekt entstehen kann. UnterstützerInnen sollen aber nicht die Rolle von Hilfspersonal bekommen - das setzt bestehende Kompetenzgefälle und Hierarchien von Handlungsmöglichkeiten fort und manifestiert sie womöglich auch in diesem Projekt. UnterstützerInnen sollen sich auch über ihre einzelne Handlung hinaus gleichberechtigt in das Projekt einbringen können.

Schon im Vorbereitungsprozess wäre vorstellbar, dass Individuen und Gruppen autonom und im Austausch miteinander mitwirken, so dass gar kein Zwang zu kollektiven Handlungen und Entscheidungen entsteht. Dann können diejenigen, die gerne was miteinander machen bzw. überlegen wollen, dieses tun. Zum Teil geschieht dies gerade schon, indem sich Einzelne verabreden. Die neuen Ideen und erledigten Arbeiten bzw. neu entstandene Aufgabenfelder müssen nun transparent gemacht werden. Dies ist eine Herausforderung an Kommunikation, die sich durch dieses Projekt nicht neu ergibt, sondern auch bei anderen horizontalen Organisierungsprozessen (z.B. "selbstorganisierte" Seminare) besteht. Allerdings wurde sie bisher noch nicht befriedigend gelöst.

Momentan werkeln aber nur einige Wenige an diesem Projekt herum und die beschriebenen Ansprüche dieser Menschen vermitteln manchen Außenstehenden ein Gefühl von Geschlossenheit. Es wird also erstmal sehr stark an der Initiative der schon Beteiligten liegen, zu vermitteln, dass bzw. wie sich auch andere Menschen einbringen können. Im Prinzip könnte damit schon die Vorbereitungsphase des Projekts etwas vom Charakter Offener Räume haben: Eine dezentrale Organisierung, mit viel Kommunikation und Transparenz, ohne Kollektivbewusstsein und ohne festgelegte Entscheidungsstrukturen. Dafür aber steigendes Konfliktpotential mit steigendem Interesse Anderer, das auf kreative emanzipatorische Lösungen "wartet". Letztlich führt bereits die - offensichtlich notwendige - Vermittlung der Projektidee im Zusammenspiel mit dem offensiven Einladen zur Beteiligung zur Verbreitung und möglicherweise auch zur Diskussion der Idee Offener Räume und horizontaler Organisierung.

Kommunikation und Transparenz

Bisher gibt es keine extra Mailingliste für das Projekt. Unter anderem deshalb, weil das Anlegen solcher Listen häufig dazu geführt hat, dass bewusst oder unterbewusst Kommunikation und Information innerhalb von Projekten sich auf diese dann verlagert und häufig sehr stark auch darauf reduziert haben. Leider meistens mit dem Ergebnis, dass nur einige Leute aktiv beteiligt waren. Auch wenn viele gesagt haben, dass sie es OK finden, weiter per E-Mail zu kommunizieren, zeigt die Erfahrung in "unseren Kreisen", dass eine weiterführende Organisierung in diesem Medium kaum gelingt. Internet und Computer sind immer noch Medien, die nicht allen Menschen angenehm sind bzw. nicht von allen ohne weiteres "beherrscht" werden. Diese Personen sind dann schnell von der Kommunikation und den Informationsflüssen abgeschnitten.

Diese Probleme müssen sich aber nicht zwangsläufig aus der Nutzung von E-Mail-Listen und Wiki-Seiten ergeben. Aber: ein bewusster und aktiver Umgang mit der Problematik ist notwendig. So sollte geklärt werden, welche der interessierten Personen über welche Medien gerne kommunizieren (das schließt persönliche Treffen mit ein) und wie sie da erreichbar sind. Gesprächsverläufe und -ergebnisse, die nicht allen bekannt sind, sollten dann auf den verschiedenen Wegen weitervermittelt werden. Das kann bedeuten, dass ein Protokoll ins Wiki gestellt wird, eine Mail mit dem Link und dem Hinweis darauf an die Mailingliste geht und einzelne Leute, die das bestenfalls auch so schonmal miteinander abgesprochen haben, diejenigen telefonisch, per Post oder bei persönlichen Treffen informieren, was da steht.

Es könnte immer wieder informelle Treffen von Projektbeteiligten am Rande von Seminaren und anderen Begegnungspunkten geben, über die dann weiter informiert wird. Daneben telefonieren einige Leute miteinander und besprechen Dinge bzw. treffen Absprachen, andere agieren alleine und machen auch das transparent. Ab und zu - wenn der Bedarf gesehen wird - findet auch mal ein Treffen in größerer Runde statt. Alles wird im Wiki dokumentiert und darüber hinaus in Form von ausgedruckten Textsammlungen auch den nicht computerisierten Leuten zugänglich gemacht. So könnte eine schon wesentlich buntere Kommunikation aussehen.

Problematisch ist momentan noch, dass für die Transparenz (im Sinne von Dokumentation) das Internet der praktikabelste Ort ist und diejenigen, die damit nicht gerne arbeiten, benachteiligt und möglicherweise ausgeschlossen sind. Sobald es das Projekthaus gibt, könnten (und sollten) dort auch nicht-virtuelle Informationsorte geschaffen werden. Möglicherweise kann hier schon ein Austausch mit Ideen aus dem NomadInnen-Netzwerk geschehen. Dort gab es den Vorschlag, Handbücher mit wichtigen Infos an den jeweiligen Projektorten anzulegen.

Offenheit für Neues

Das Projekt sollte von Anfang an so entworfen werden, dass es genug Platz (räumlich und ideell) für neue, noch nicht eingebundene Ideen und deren Umsetzung gibt. Das bedeutet, dass in allen wesentlichen Bereichen - Standortsuche, Objektsuche, Ausbau, Organisierungskonzept etc. - Potential für weiteres mitgedacht werden muss. Klar hat das auch Grenzen da, wo die (wenigen) Aktiven sich unverhältnismäßig stark verausgaben müssten für etwas, was eben noch nicht da ist und wofür sich dann auch Andere einsetzen sollten.

Diese Offenheit entsteht allerdings auch erst dadurch, dass sie kommuniziert wird und diejenigen, die sie nutzen könnten, davon erfahren. Das bedeutet, dass möglichst frühzeitig mitgedacht werden sollte, was und wie die Beteiligten über das Projekt "nach außen" kommunizieren. Hier sind Idee gefragt...

Utopien entwickeln

Vieles ist noch reichlich undurchdacht, manche Ideen gibt es schon, sind den hier Beteiligten aber noch nicht bekannt, und über die meisten Fragestellungen darüber, wie die Einzelnen konkret mit bestimmten Konfliktsituationen umgehen wollen würden, wurde sich noch nicht ausgetauscht. Einen Kommunikationsprozess darüber zu führen - der nicht mit dem Hausausbau beendet sein kann - erscheint mir sinnvoll, um dieses Projekt umzusetzen. Einen Anfang sehe ich in den Gesprächen, die wir bei den Treffen auf dem JUKSS und in Magdeburg geführt haben und in den Texten zu einzelnen Aspekten, die im Wiki bereits verlinkt wurden. Ich möchte mich aber auch grundlegend darüber austauschen, welche Vorstellungen bei anderen hier aktiven Leuten bestehen, welche Utopien in den Köpfen herumgeistern und welche Ideen es gibt, diese umzusetzen. Und ich möchte kritisch hinterfragen, Situationen ansprechen, die im Hier & Jetzt immer wieder auftreten und unter herrschaftskritischen Gesichtspunkten anders als bisher gehandhabt werden müssten. Dabei werden schnell Widersprüche sichtbar, für die ich Lösungsansätze entwickeln möchte.

Im Moment organisieren Maria und ich ein Utopien-Seminar, das sowohl Grundlagen-Charakter haben soll, als auch zur Entwicklung von Organisierungsansätzen dienen kann. Ich fände es gut, diese Veranstaltung als Anlass zu nehmen, mehr übereinander zu erfahren und in einen kritischen Austausch über unsere individuellen Utopien zu treten. Wenn es Leute gibt, die sich in die Vorbereitung dieses Seminars einbringen wollen, ist das auch schön. Mehr dazu gibt es auf der Wiki-Seite http://herrschaftsfreie-welt.de.vu. Das Seminar findet vom 13. bis 16. September in Magdeburg statt. Ab 10. September soll vor Ort schon die Vorbereitung der Räume und Organisierung von Lebensmitteln losgehen. Früher kommen lohnt sich also (im Sinne von "selbstorganisierte Veranstaltung").

Projektgedanken

Im Gespräch mit verschiedenen Menschen entstand der Eindruck, dass viele das "Schöner Wohnen"-Projekt als "abgeschottet" wahrnehmen. Wir haben uns gefragt, woran das liegt und es ist schon seltsam, wenn ausgerechnet ein Projekt, das den Charakter eines "Offenen Raumes" haben soll, als geschlossen gesehen wird. Ursache könnte einerseits sein, dass "wir" als zielstrebig und mit hohen Ansprüchen an Organisierung und an das Projekt wahrgenommen werden und andererseits, dass nicht großflächig eingeladen wurde, sondern die Runde durch gezieltes Ansprechen einzelner Leute zustande kam. Mit der Problematik, dass unser Projekt nicht als "offen" wahrgenommen wird, werden wir uns auseinandersetzen müssen. Eine spätere offensive Verbreitung der Ideen, die mit dem "Schöner Wohnen"-Projekt verbunden werden, und des offenen Charakters für alle, die die Räume nutzen wollen, wird das Problem hoffentlich mindern.

Eine Idee, wie die Vorstellungen, die Einzelne der Projektbeteiligten dazu haben, plastischer gemacht werden könnten, ist das Verfassen utopischer Geschichten. Diese könnten jeweils einzelne Aspekte behandeln und beschreiben, wie in diesem Projekt spezielle Situationen aussehen könnten. Das würde die Idee, Utopien praktisch werden lassen zu wollen, greifbarer machen.

Das Projekt sollte so "gestrickt" sein (also die Rahmenbedingungen darauf ausgerichtet sein), dass es nicht Einzelne gibt, die es aufrechterhalten, sondern so angelegt, dass es solche Monopol-Personen nicht geben muss. Es soll nicht einzelne Leute geben, die dafür zuständig sind, bestimmte Bereiche in Betrieb zu halten, sondern der Anspruch da sein, dass dies aus der Organisierung der NutzerInnen heraus bewältigt wird. Hier kommt auch die Idee der "Widerstands-NomadInnen" ins Spiel. Diese müsste konkreter formuliert werden und diskutiert werden, wie solche Strukturen aussehen müssten, wie die Kommunikation laufen könnte und welche Ansprüche ein solches Modell (keine konkret für ein Haus verantwortlichen Leute, sondern ein Pool vieler Menschen, die die Kompetenzen dazu haben und sich diesbezüglich miteinander organisieren) erfüllen kann bzw. wo dessen Grenzen liegen werden.

weiteres Treffen

Wir wollten uns nun nicht für ein weiteres allgemeines Treffen verabreden, sondern erstmal so in die Vorbereitung (d.h. vor allem Haussuche, aber auch Gedanken wälzen und sich darüber austauschen) starten. Einzelne wollen gern intensivere Arbeitsphasen mit einzelnen Leuten verabreden, wo dann auch Andere dazustoßen können. Aber eben, um was Konkretes zu machen. So gibt es eine Verabredung zwischen drei Leuten für ein Treffen in Bad Oldesloe zum Schnorren von Dingen, die jetzt schon organisiert werden können. Dieses soll in der ersten April-Woche stattfinden.

Eine Projekthaus-Suche-Fahrradtour ist außerdem von einigen Leuten für die Zeit vor dem G8 angedacht.