2007-01:Gespräch über NomadInnentum

Aus grünes blatt
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Gespräch über Nomadinnentum

sp Manche leben aus Not ohne festen Wohnsitz, andere entscheiden sich aus freien Stücken dazu, nomadisch zu leben. Seit Mitte 2006 gibt es in ‚der’ politischen Subkultur ein paar Diskussions- und Organisierungsansätze, die um die Idee kreisen, als politische AktivistIn gar nicht nur einen festen „Standort“ zu haben. NomadInnentum soll – so der Anspruch – mit Selbstorganisierung und Hierarchiefreiheit vernunden werden. Dabei gibt es durchaus Streit und unterschiedliche Auffassungen, wie und ob das zu erreichen ist. Ein Gespräch zwischen Espi und Rico.

Rico, du bist selbst aktiv innerhalb der Diskussionen um NomadInnen-Netzwerke - kannst du sagen, worum es dabei geht? Nicht alle LeserInnen des grünen blatt’s werden schon wissen, worum es dabei geht.

R: Für mich beschreibt das "NomadInnen-Netzwerk" einen momentan nicht eindeutig eingrenzbaren Zusammenhang von Leuten, die das Ziel haben einen eher nomadischen Lebensstil zu führen, sich aber dabei in Kommunikation und Praxis mit anderen Leuten, welche ne ähnliche Lebensführung haben, befinden wollen. Hinzu zählen würde ich z.T. auch Leute die mit der Idee sympathisieren, z.B. in den "Haus- und Alternativprojekten" die mit dem Netzwerk verknüpft werden sollen oder auch schon sind. Für die Projekte ist vielen wichtig, dass diese den Leuten nicht das Gefühl vermitteln sie wären in ihnen nur Gast und hätten als solche auch diese Rolle einzunehmen, denn zu der Idee gehört für sie auch sich aktiv in die Organisationsprozesse einmischen zu können. Neben einer Entwicklung einer gemeinsammen Kommunikation und dafür geeigneten Werkzeugen, kann dieses Netzwerk sich ausweiten auf gemeinsame getragene Infrastrukur in Form von Häusern, Technik etc.

Und wie organisiert sich dieses Netzwerk? Gibt es regelmässige Treffen?

R: Momentan werden verschiedenste Kommunikationswege genutzt, es gibt einen Verteiler auf denen ein Teil der Leute mitteilen, was sie gerade so machen oder wo sie hinfahren werden. Hinzu kommt ein Wiki, eine durch alle editierbare Internetseite, auf dem verschiedenste Infos gesammelt werden. Geplant ist noch Rundbrief der an die Projekte und Leute im Netzwerk gehen soll. Ansonsten gibts noch die Möglichkeit zu telefonieren oder weitere Absprachen mit den Leuten, an dem Ort wo man gerade ist, zu treffen. Ein grösseres Treffen gab es vor kurzem in Bad Oldesloe, ursprünglich wollten sich da nur 5 Leute verabreden, sind über die Tage verteilt über mehr als 20 Leute dagewesen, war sehr nett und recht dynamisch. Da waren von gemeinsamer Alltagsorganisation bis’nen bischen Aktionismus und neue Projekte planen viele Sachen vorhanden, einiges steckt aber noch in den Anfangsschuhen.

Was bedeutet es eigentlich genau, mehr sein zu wollen als nur temporärer Gast - welche praktischen Schritte oder Konsequenzen ergeben sich daraus?

R: Für mich bedeutet es die Orte, zu denen man sich bewegt, auch aktiv zu gestalten, dafür Sorge zu tragen, dass diese Orte auch weiterhin bestand haben. Die Gestaltung sollte auch möglich sein, was schwierig wird, wenn dir vor Ort Leute Vorschriften machen wie du was zu tun hast und dich nicht als gleichberechtigt wahrnehmen, sondern eben nur als Gast. Wichtig ist es mir auch über die Zeit hinweg ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Bedürfnisse in dem Raum, der auch ein sozialer ist, vorhanden sind. Ganz praktisch bedeutet es sich mit den vorhandenen und aufzubauenden Strukturen auseinanderzusetzen, diese transparent zu machen, sie weiterentwickeln und viel Kommunikation mit allen NutzerInnen, sowohl "NomadInnen" als auch Leute die ständig an diesen Orten sind.

An der Stelle möchte ich noch einmal nachfragen: Gibt es eine Teilung in Personen, die nomadisch leben und andere, welche ständig da sind? Wenn ja, schränkt das nicht die Gleichberechtigung ein zu Ungunsten derer, die ein Projekt aufrechterhalten müssen und daher nicht so flexibel sind wie die NomadInnen?

R: Die Trennung ist leider da, wenn man darauf achtet wie über das NomadInnen-Netzwerk gesprochen wird. Von mir ist eine Trennung nicht gewollt, für mich geht’s nicht darum eine neue Identität des/der/die Nomadis zu entwickeln, sondern eher eine Praxis, diese soll aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben werden. Unter den Umständen ist es vielleicht auch nicht vorteilhaft von den "NomadInnen" zu sprechen, nur ist es oft nicht so einfach etwas zu beschreiben ohne gleich neue Kategorien aufzumachen. Zur Frage der Aufrechthaltung habe ich ja schon einiges gesagt, z.B. das Infrastruktur weiterentwickelt werden soll, damit das passieren kann gehört für mich auch dazu die Infrastruktur nicht runterzurockern und psprachen zu führen darüber wer wo, wann und wie lange sein möchte. Das "Aufrechterhalten" sollte nicht zu einem Zwang führen, bei dem dann jedes von 'irgendwem' angefangene Projekt weitergeführt werden muss, dass würde evtl. dazu führen das Leute eine Infrastruktur aufbauen, für die es keinen Bedarf und schlichtweg nicht die Kapazitäten gibt diese aufrechtzuerhalten. Für mich persönlich bedeutet dies sich auch selbst Schwerpunkte zu setzen, herauszufinden wo man sich engagieren will, sich nicht nur fluchtartig von einem Ort zum anderen 'treiben' zu lassen oder wenn Infrastruktur auf Grund von Kapazitäten nicht gehalten werden kann, auch mal loslassen.

Wie schätzt du ein, ob es überhaupt möglich ist, sich - sagen wir mal - in drei oder fünf Projekten gleichberechtigt einzubringen?

R: Für mich ist es schwierig das einzuschätzen, da die Erfahrungen erst noch gemacht werden müssen, wenn ich aber meine Erfahrungen aus den Projekten die ich bisher begleitet habe nehme, so muss ich leider feststellen das es schon schwierig ist sich innerhalb eines Projektes gleichberechtigt zu engagieren. Ein Aspekt dabei ist auch die Entwicklung verregelter,starrer Strukturen und die Entwicklung von Kerngruppen. Hier sehe ich schon ein Potential zur Auflösung dieser Punkte was das "Netzwerk wohnungsloser Polit-Aktivistis", we es auf der Projektwerkstatt.de-Seite beschrieben wird, mitbringenkann.Solche Netzwerke setzen ja gerade auf Austausch und leben von der Weitergabe und Öffnung an Möglichkeiten und darauf sind die beschriebenen Strukturen nicht zwingend ausgelegt, können sich aber dahin entwickeln.

Was haben Nomadinnentum und Protest für dich miteinander zu tun oder gibt es da überhaupt Verbindungen?

R: Bei dieser Frage würde ich wieder auf meine bisherigen Erfahrungen zurückgreifen, und diese sagen mir das es vorerst nur eine von vielen "Lebensstilen" ist, der nicht zwingend widerständig oder, abgeschwächter, protestförmig sein muss. Momentan lebe ich 'auch' in einem etwas anderem "Wohnkonzept", dem Funktionalen Wohnen ohne wirkliche Privaträume, solidarischer Kasse etc. Hier ist der grösste Teil aber mit Studium, Arbeit oder Beziehungspflege beschäftigt, Widerstand oder Protest macht da nur nen minimalen Teil aus, es ist halt ganz bequem so. Eine Diskussion über "WiderstandsnomadInnentum" halte ich für eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zur Debatte, nen grösseres Potential sehe ich da schon, es sind halt dann doch Leute die schon in Bewegung sind, und Protest gibt es(oder auch ist) für mich gerade nicht genug.

Webseite zum NomadInnen Projekt

http://autoorganisation.org/mediawiki/index.php/Homes_for_Nomads