2006-02:Energiewende in schwerer See

Aus grünes blatt
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Energiewende in schwerer See?

fb Eine These des Buches ist "dass sich an den Windparks nicht der 'klassische' Ökonomie-Ökologie-Konflikt entzündet". Mit rhetorischen Tricks werden die angeblich nicht vorhandenen Ökonomie-Ökologie-Konflikte zu "regionalen Strukturwandekkonflikten" und "innerökologischen Zielkonflikten". Das klingt nicht mehr so dramatisch, ändert aber nichts substantielles. Es scheint somit schon vor dem Lesen, dass dieses Buch ein Propagandawerk für Offshore-Windkraftanlagen ist. Ein weiteres Indiz für diese Motivation könnte die Bezeichnung der Auseinandersetzung um die ökologischen Auswirkungen von Offshore-Anlagen als "Belastungsprobe für das politische Projekt der Energiewende" und als Gefährdung des "bisher erreichten Grad(es) an innerorganisatorischer Integration der Umweltverbände" sein.

Die Offshore-Windkraft wird von den Autoren offensichtlich einseitig als Ökotechnologie verstanden, weswegen dann von innerökologischen Zielkonflikten die Rede sein kann, wenn ihre umweltschädigende Wirkung angeprangert wird. Ausgeblendet wird dabei, dass es eine sehr verkürzte Sichtweise ist, wenn das Kriterium ökologisch sich allein daraus ableiten sollte, dass Windenergie genutzt wird. Ob und wie ökologisch und aus sozialer Sicht verträglich eine Energienutzungsform ist, muss aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren abgeleitet werden. Hierbei schneiden Offshore-Windkraftanlagen bereits schlechter ab, als kleinere Anlagen, die auf dem Festland betrieben werden. Es ist zu beobachten, dass häufig ökologische Auswirkungen der Größe, Zahl und des Standorts solcher Anlagen vernachlässigt werden, umso mehr kapitalistische Logik eine Rolle spielt. Offshore-Anlagen stellen in dieser Hinsicht einen neuen Höhepunkt dar, die zu erwartenden Profite sind so hoch, dass es sich auch für die früheren Monopol-Energieversorger lohnt, hier groß einzusteigen. Und einzelne politisch engagierte Menschen können sich eine eigenständige Errichtung dieser Anlagen auch nicht mehr leisten.

Es bleibt somit zu befürchten, dass mit dem massenhaften Einsatz von Offshore-Windanlagen die Energiekonzerne auch im Bereich der regenerativen Energien eine äußerst dominante Rolle übernehmen. Und diese Unternehmen haben an Ökologie nur Interesse, wenn es sich vermarkten lässt. Differenzierte Betrachtungen und sensibler Umgang mit ökologischen Fragen dagegen lassen sich schwerer verkaufen, vor allem, wenn noch nicht ganz deutlich ist, welches Ausmaß an ökologischen Folgen entstehen könnte.

Als relevante Akteure betrachten die Autoren im wesentlichen den BUND, den NABU, den WWF und Greenpeace. Aus deren Positionen und Auseinandersetzungen mit der Windkraft-Thematik (und weiterer Institutionen, Parteien etc.) wurden also die Schlussfolgerungen über die schon erwähnten "innerökologischen Zielkonflikte" abgeleitet. Außen vor bleiben offensichtlich die vielen unabhängigen Umweltgruppen und -aktivistInnen mit ihren häufig viel grundlegendere Positionen. Überwiegend werden die sich selbst als wichtig inszenierenden Verbände wahrgenommen - nicht nur in dieser Publikation -, wodurch sie letztlich tatsächlich herausragende Bedeutung erhalten. So werden beispielsweise Umwelt-Positionen mit Blick auf die Selbstbestimmung der betroffenen Menschen, die sich beispielsweise auf eine "Ökostrom-Versorgung 'von unten'" beziehen, gar nicht erwähnt. Stattdessen geht es um technische und juristische Kritik und Uneinigkeiten zwischen den "ExpertInnen".

Tendenziös erscheint bei der Bewertung der Differenzen zwischen den UmweltakteurInnen auch wieder die Frage, ob die Infragestellung des ökologischen Nutzens von Offshore-Windenergieanlagen lediglich eine "Rationalisierung ästethisch motivierter Vorbehalte" seien. Darauf geben die Autoren natürlich keine direkte Antwort, aber die Fragestellung suggeriert eine positive Antwort. Im weiteren Verlauf ergeben sich keine Anhaltspunkte für die in der Frage vormulierte Vermutung.

Als interessant hervorzuheben sind die Einschätzungen zur Rolle und den Grundaussagen, die von den schon genannten NGOs vertreten werden. Hier scheint es, als würde seitens Greenpeace eine wesentlich undifferenziertere Politik betrieben als beispielsweise beim NABU oder BUND. "Greenpeace sorge sich weniger um mögliche ökologische Nebenfolgen der Offshore-Windkraftnutzung ('die Gesamtbilanz wird positiv sein'), als vielmehr darum, 'dass das gar nicht real wird, dass da gar nichts passiert." Wichtiger als die ökologischen Folgen ist also, dass Offshore-Windkraft durchgesetzt wird. Der "Öko"-Konzern nähert sich der Argumentation seiner kommerziellen Gegenspieler an.

  • Andreas Byzio, Rüdiger Mautz, Wolf Rosenbaum: Energiewende auf hoher See? Konflikte um die Offshore-Windkraftnutzung
  • oekom Verlag, München 2005
  • 180 Seiten, 24,80 EUR
  • ISBN 3-936581-96-7