2006-01:Speziesismus

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Speziesismus

Andre Gamerschlag Der «Speziesismus» Begriff wurde lange Zeit, zumindest im wissenschaftlichen Bereich, nur in der Tierethik, einer Unterdisziplin der Bioethik in der praktischen Ethik benutzt. Erst später findet er in einem sehr begrenzten Rahmen Einzug in Disziplinen der Sozialwissenschaft. Ich möchte hier ein kurze Definition des Speziesismus zusammentragen und dabei oberflächlich auf den ideologischen Aspekt eingehen.

Der Begriff «Speziesismus» (speciesism) wurde 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder geschaffen und erstmals von ihm in einem Flugblatt benutzt, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus auszudrücken. Er bezeichnet den Teil des Dispositionssystems, also der grundlegenden Haltung eines sozialen Akteurs, der die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata für die Gewaltausübung über «Tiere» hervorbringt.

Speziesismus kann gleichermaßen als Stereotypenkomplex angesehen werden, analog zum Rassismus und Sexismus, der die Ausgrenzung und Unterdrückung einer Gruppe aufgrund der Hervorhebung von Andersartigkeiten oder vermeintlichen Andersartigkeiten proklamiert und legitimiert. Ein Grundelement von Stereotypenkomplexen ist immer die Aufwertung der eigenen Gruppe und die gleichzeitige Abwertung der anderen Gruppe z.B. Farbige (Rassismus), Frauen (Sexismus), Schwule und Lesben (Hetero-Sexismus) oder in diesem Fall anderen Tierarten, also Spezies.

Aufgrund der Andersartigkeit nichtmenschlicher Tiere - in Relation zur Spezies homo sapiens - werden diese als minderwertig deklariert und somit aus der Schutz- und (Existenz-) Rechtswürdigkeit ausgeklammert. Die Spezieszugehörigkeit oder genauer gesagt die Nichtzugehörigkeit zur Spezies homo sapiens oder damit verbundene Eigenschaften werden als das entscheidende Kriterium betrachtet, um zwischen Individuen mit Recht auf Leben, nämlich Menschen, und Individuen die dem Menschen als Ding zur Verfügung stehen, nämlich nichtmenschliche Tiere, zu differenzieren.[1]

Hier wird die spezifische Weltanschauung die dem Speziesismus zugrunde liegt, nämlich der Anthropozentrismus deutlich. Diese Anschauung setzt «den»/die Menschen in den Mittelpunkt der Welt. Die Umwelt mit den darin lebenden nichtmenschlichen Tieren sind wegen der Menschen da, um als seine Ressourcen verwendet zu werden. Somit kann Speziesismus, genau wie die Beherrschung und Ausbeutung der Natur als Subideologie des Anthroprozentrismus betrachtet werden.

In Anlehnung an die Definition des Rassismus von Albert Memmi, mit den vier Elementen der rassistischen Einstellung, nennt die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mütherich die vier Elemente speziesistischer Einstellung:

  1. Die nachdrückliche Betonung von tatsächlichen oder fiktiven Unterschieden zwischen dem Speziesisten und seinem Opfer.
  2. Die Wertung dieser Unterschiede zum Nutzen des Speziesisten und zum Schaden des Opfers.
  3. Die Verabsolutierung dieser Unterschiede, indem diese verallgemeinert und für endgültig erklärt werden.
  4. Die Legitimierung einer – tatsächlichen oder möglichen – Aggression oder eines – tatsächlichen oder möglichen – Privilegs.[2]

Der Philosoph, Theologe und Soziologe Johan S. Ach rekapituliert verschiedene Formen des Speziesismus, wie sie in den Diskussionen der Tierethik herausgearbeitet wurden.[3] Diese Formen finden sich auf zwei Ebenen wieder. Zum einen wird aufgrund der logischen Basis zwischen «qualifiziertem» und «unqualifiziertem» Speziesismus unterschieden, zum anderen aufgrund der Intensität zwischen «absoluten», «radikalen» und «milden». Unqualifizierter Speziesismus nennt als entscheidendes Kriterium die Spezieszugehörigkeit, während qualifizierter Speziesismus als Kriterium Eigenschaften verwendet, die mit der Spezieszugehörigkeit in Verbindung stehen.

Die Kriterien Vernunft, Moralfähigkeit, Autonomie und Sprachfähigkeit werden am häufigsten zur Begründung herangezogen, manchmal auch als Bündel aus mehreren oder der Gesamtheit. Der absolute Speziesismus bestreitet dass nichtmenschliche Tiere Interessen haben können und somit auch keines moralischen Schutzes bedürfen. Radikaler Speziesismus gesteht nichtmenschlichen Tieren zwar Interessen und damit eine gewisse Schutzwürdigkeit zu, in Konfliktfällen mit menschlichen Interessen wird aber zugunsten der spezieseigenen Interessen entschieden. Beim milden Speziesismus werden die nichtmenschlichen Interessen mit den menschlichen Interessen abgewogen und wenn die Differenz ausreichend groß ist, werden die nichtmenschlichen Interessen zurück gestellt.

Speziesismus kann unter anderen Gesichtspunkten auch als Ideologie angesehen werden. Ideologie definiere ich hier, sehr allgemein gehalten, als Wahrnehmungs- und Denkschema. Die hier relevante Eigenschaft von Ideologien ist, dass die Wahrnehmung und damit das Denken ein verzerrtes Bild der wirklichen Welt zeigen[4], welche sich hier in einer Gleichmachung äußert.[5] Der Tierbegriff ist ein theoretisches Konstrukt, welches alle Arten ausgenommen den homo sapiens vereint und innerhalb des Begriffes gleichstellt. Es ist jedoch empirische Realität, bezieht man sich auf die genannten Differenzkriterien oder denkt man an die physiologischen Voraussetzungen für Schmerzempfinden, dass es sowohl Spezies gibt deren kognitive und sinnliche Fähigkeiten gegen null tendieren und Spezies deren Fähigkeiten in Richtung des Menschen tendieren.[6] Die ganze Ausdifferenziertheit der Arten wird innerhalb der Tier Kategorie als monolithischer Antipode des Menschen gedacht.

Birgit Mütherich bezeichnet den «Mensch-Tier-Dualismus» als «antithetisches Konstrukt» und zeigt parallel konstruierte antithetische Paare auf.[7] Dualismen wie «Kultur – Natur» oder «Vernunft – Trieb» sind Implikationen von Differenzkriterien und können auf die Kategorie Tier bezogen keine empirische Validität besitzen. Eine Differenz zum Menschen muss an jeder Spezies einzeln ausgemacht bzw. gedacht werden, um den wirklichen Gegebenheiten gerechter zu werden. Eben dieser Unterschied, zwischen der materielleren Sicht einer Tierwelt von Würmern bis Menschen und einer verfälschten Sicht von Tieren als Gegenteil von Menschen, macht die wichtigste Verzerrung aus. Sie ist der Grundbaustein für das speziesistische Denk- und Wahrnehmungsschema. Diese und implizierte Verzerrungen mit allen Einflüssen in ihrer kulturhistorischen Genese formten die speziesistischen Handlungsschemata im heutigen Mensch-Tier Verhältnis. Dieses ist gekennzeichnet, betrachten wir die westlichen Kulturen, von einer Unterteilung der Tiere in Nützlichkeitskategorien wie Haustiere, Versuchstiere, Nutztiere und Wildtiere. Durch diese Kategorisierung wird entschieden welche Spezies als Objekt für Zuneigung oder für Experimente geeignet ist und welche Spezies als Nahrungs- und Kleidungslieferanten oder als sportliches Objekt, unter dem Deckmantel der Artenregulation, angesehen wird.


Internet


  1. Johann S. Ach beschäftigt sich in der „Kritik des Speziesismus“ in seinem Buch „Warum man Lassie nicht Quälen darf“ mit der Frage ob die Differenzkriterien empirisch alle Menschen von allen nichtmenschlichen Tieren trennen können und inwieweit diese Kriterien überhaupt Gültigkeit besitzen können.
  2. Mütherich, Birgit: Speziesismus, soziale Hierarchien und Gewalt. Hannover (aTaH) 2005, S.7f
  3. Ach, Johann S.: Warum man Lassie nicht quälen darf. Erlangen (Harald Fischer Verlag) 1999, S.116ff
  4. Durch die psychologischen und letztendlich biologischen Rahmenbedingungen der Wahrnehmung und des Denkens stimmt die wahrgenommene Welt nicht vollkommen mit der objektiven Welt (theoretisch: aus einem vorbedingungslosen Blickwinkel) überein, da wir sie in unseren Worten denken, unter unseren Gesichtspunkten betrachten und in unsere Kategorien einteilen. Wir sehen die Welt, bildlich gesprochen, durch eine Brille. Die Beschaffenheit dieser Brille ist sowohl kulturell als auch individuell geprägt.
  5. Den Ideologie Begriff auf den Speziesismus anzuwenden wäre ein Thema für sich, ebenso alle markanten Implikationen herauszuarbeiten. Dies soll aber nachgeholt werden. An dieser Stelle wird nur ein Kriterium angesprochen, welches als ausreichende Bedingung angesehen werden kann.
  6. Ach (1999) bespricht Ausnahmen, welche direkt mit der Validität der Differenzkriterien zusammenhängen.
  7. Mütherich, Birgit: Die soziale Konstruktion des Anderen. Hannover (aTaH) 2005, S.5f