2006-01:Selbstorganisation in Alltag und Politik

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Inhaltsverzeichnis

Selbstorganisation in Alltag und Politik

Seminarbericht vom 16.-19. Februar 2006

ACN Am Donnerstag Abend waren erstaunlicherweise doch schon einige Leute da, so dass wir auch schon mit inhaltlichen Punkten anfangen konnten. Es war auch eine gemischte Runde, nicht nur Leute, die sich irgendwo schon näher kennen, was sich z.B. beim Beginn des ersten Direct Action-Seminars für den Seminarprozess als schwierig herausgestellt hatte. Wir haben uns über die Inhalte, die es an diesem Wochenende geben soll, ausgetauscht und - nach mehrfachem Einfordern durch mich - auch schon einige Zeitpunkte vereinbart.

An diesem ersten Abend lief auch eine Art Ein-führungsrunde zum Thema, allerdings war die nach meiner Wahrnehmung noch nicht so konkret als Seminarstrang erkennbar, sondern erstmal ein Gespräch, bei dem versucht wurde, anzufangen. Einige Seminarpunkte waren von vornherein - durch Absprachen bzw. die praktische Umsetzbarkeit - schon vorgegeben: So war klar, dass es am Samstag Nachmittag eine Umsonstladen-Schicht in Gießen geben würde und auch der Workshop zum Schnorren (mit Praxisteil Firmen anrufen) musste bis Freitag nachmittag über die Bühne gehen.

Am Freitag Morgen ging es wirklich mit dem Workshop zum Schnorren los. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, was Menschen aus der Runde so alles schon mal gratis besorgt haben und wie Schnorr-Anrufe höhere Erfolgsquoten haben. Dazu gibt es auch eine zum Teil ausführliche Mitschrift. Den Übergang zum praktischen Teil empfand ich dann als zu schleppend und bin irgendwann rausgegangen und hab schonmal versucht, über Kontakte zu einer Druckerei und einer Agen-tur Materialien zu besorgen. Das hat auch Erfolg getragen: inzwischen gab es für das Magdeburger Jugend-Umweltbüro eine Spende von mehr als 10.000 Blatt neuwertigem A3-Druckerpapier und die Zusage auch langfristig Reste und Verschnittpapier in Normgrößen zu bekommen. Außerdem konnte ich den Druck einer Gratis-Postkarte mit einer Agentur aushandeln, für die es nur noch einer Spendenquittung bedarf.

Am späteren Nachmittag - noch vor dem Beginn des JUKSS-Orga-Treffens - wurde noch ein Workshop zu Gratismobilität eingeschoben, den ich als sehr vielfältig und motiviert empfand. Dort wurden Ideen und Erfahrungen beim Schwarz-fahren, über Möglichkeiten günstiger mobil zu sein und ansatzweise auch über Aktionen für Gratismobilität zusammengetragen. All das ist auch protokolliert worden und kann weiter ausgebaut werden. Es fand dann auch noch ein Workshop zum Thema "Klauen" statt, bei dem es vor allem um Techniken ging, mit denen die Sensoren von Kaufhäusern neutralisiert werden können. Auch Erfahrungen mit der Wirkung von Theateraktionen bzw. Inszenierungen bei denen ganz offen Produkte mitgenommen werden konnten, oder den Möglichkeiten, die Subversion grundsätzlich bietet, wurden ausgetauscht. Ich war bei diesem Workshop nur kurzzeitig dabei, deswegen habe ich keinen vollständigen Eindruck von dieser Phase. Schade fand ich im Nachhinein, dass es mehrere hochmotivierte Leute gab, die gleich einiges ausprobieren wollten, es dann aber doch nicht mehr umgesetzt haben.

In der Nacht war dann noch ein Grüppchen unterwegs und ergänzte die Gratislieferung eines Bio-Großhändlers, die tagsüber gekommen war, um weitere containerte Sachen. Zusammen mit den Schnorr-Versuchen auf dem Gießener Markt, die auch mehr als zwei Kisten Gemüse brachten, gab das schon einen ganz beachtlichen Eindruck, welches Potential Schnorren und Containern für die Lebensmittelversorgung haben. Inzwischen sind wir in Magdeburg häufiger unterwegs, schnorren in Bioläden und auf dem Markt und haben auch schon einige Container ausfindig gemacht, die sich immer wieder lohnen. Vor allem in der Anfangsphase ist der Aufwand noch verhältnismäßig hoch und auch das Überwinden von Unannehmlichkeiten ist teilweise anstrengend (Kälte, Bedenken wegen beobachtender Container-Nachbarn, Hemmungen Händler nach Gratissachen zu fragen), lohnt sich aber. Inzwischen müssen wir nur noch wenig dazukaufen - dafür gibt es teilweise einen ziemlichen Luxus an Lebensmitteln, die ich sonst nicht kaufen würde, weil sie nicht unbedingt notwendig sind.

Die Schicht im Umsonstladen in Gießen fand ich nicht so überwältigend. Ich war sogar angenervt von der Atmosphäre, die da überwiegend herrschte: Zwar waren wirklich viele Leute da, aber die hatten offensichtlich nur im Sinne, möglichst viel für sich abzuziehen. Einen utopischen Ansatz, Gesellschaftskritik oder auch nur das Potential dafür habe ich nicht wahrgenommen. Was bei den Leuten, die diesen Laden ermöglichen, gewiss anders ist. Aber ich fände es frustrierend in diesem Laden zu stehen und das Gefühl zu haben, nur Dienstleister für eine Masse konsumgeiler Leute zu sein. Vielleicht bin ich da auch durch den Magdeburger Umsonstladen verwöhnt, der größer ist und - nach meiner Wahrnehmung - auch eine größere Palette an verschiedenen Gegenständen aufbieten kann, und m.E. nicht so stark von so krass Konsumorientierten genutzt wird. Allerdings ist der Gießener Umsonstladen in mancherlei Hinsicht auch im Ansatz utopischer als der Magdeburger: letzterer hat eine 3-Teile-Regelung (es sollen also nur drei Teile auf einmal mitgenommen werden), was jede Menge Konflikte im Vorfeld vermeidet. Andererseits werden vom Ansatz des Gießener Ladens viel mehr direkte Diskussionen über Konsum bzw. Vermarktung geführt, wenn Leute z.B. riesige Mengen mitnehmen, die sie gar nicht selbst gebrauchen können.

Beim Schnorren auf dem Markt habe ich gemerkt, dass ich mich leicht in meiner Motivation durch andere beeinflussen lasse. Anfangs noch hochmotiviert, traf ich dann auf dem Markt auf eine andere SchnorrerIn aus unserer Gruppe, die meinte, dass sie keinen Bock hat Gemüse von konventionellen Ständen zu schnorren. Da war bei mir gleich wieder eine größere Hemmschwelle da, überhaupt noch auf solche Händler zuzugehen. Ich hab überhaupt in der Praxis des Schnorrens gemerkt, dass ich gewissermaßen mit einer "Augen zu und durch"-Einstellung rangehen muss. Gar nicht erst Unsicherheit aufkommen lassen, sondern es einfach durchziehen. Für den Anfang scheint mir das auch sinnvoll. Lieber läuft da mal etwas nicht optimal, dafür wird überhaupt der Versuch gestartet. Mit der Zeit sammeln sich dann auch die Erfahrungen.

Ich glaube, es war der Samstag Abend, an dem wir uns dann über Möglichkeiten, ohne Geld auch Versicherungen abschließen zu können, bzw. Versicherungen subversiv auszunutzen, austauschten. Hier wurden einige Nischen wie die Künstlersozialkasse vorgestellt oder die Praxis vieler Alternativprojekte, in denen nur Einzelne versichert sind und gemeinsam Krankenkarten nutzen (was natürlich nicht legal ist). Allerdings ist meist auch Voraussetzung eine ÄrztIn zu finden, die sich darauf einlässt.

Den Sonntag Vormittag füllte dann ein Geldbeschaffungs-Workshop. Geplant hatte ich da auch in einen praktischen Teil überzugehen, also kleinere Anträge mit Interessierten auszuarbeiten. Es gab auch diese interessierten Leute, aber irgendwie kam das dann doch nicht zustande. Scheinbar war die Zeit schon zu weit fortgeschritten und ein Mensch wollte auch lieber einen größeren Antrag versuchen, der in dieser Runde schwer hätte umgesetzt werden können. So verlief sich der Workshop nach dem Überblick über Fördertöpfe und andere Möglichkeiten an der Stelle, wo der Praxisteil beginnen sollte, wieder. Daran schloss sich die weiter unten beschriebene überstürzte Abreise mit ihren Folgen an. Was leider nicht mehr stattfand, war der Workshop zur Kooperationsebene von Organisierung, wo es um die Vernetzung von Container-, Schnorr- und Selbstversorgungspro-jekten / -gruppen im Zusammenspiel mit Ge-meinschaftseigentum, Gratisnetzwerken, Umsonstläden und Infrastrukturteilung hätte gehen können.

Selbstorganisierungsprozesse

Mein Eindruck war, dass einige Aspekte, wie das Beheizen des Gebäudes - relativ - selbstorganisiert liefen. Da gab es zwar auch Schwierigkeiten, weil mal jemand nicht anheizte oder den Ofen falsch bediente, aber meiner Wahrnehmung nach kümmerten sich um das Nachlegen des Holzes z.B. nicht immer dieselben Leute.

Als problematisch wurde von den Projektwerkstatt-BewohnerInnen formuliert, dass sich alles auf das - scheinbar - gemütlichere Wohnhaus konzentrierte. Geplant war es, dass das parallel laufende JUKSS-Treffen im Seminarhaus stattfindet und das Seminar im Wohnhaus. Nun vermischte sich alles und es entstand zeitweilig auch der Eindruck, dass dadurch kein Vorankommen in den Treffen zustande kam. Beim späteren Direct Action-Seminar wurde das als noch anstrengender wahrgenommen, wobei dazu die Projekt-werkstättlerInnen eher etwas Konkretes sagen können. Lustige Effekte gab es natürlich auch wieder - so z.B. dass die Container-Gruppe erstmal unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, weil sie es nicht bis aus dem Dorf geschafft hatte, ohne sich zu verlieren. Oder seltsame Abläufe, wie die fahrradfahrenden Umsonstladen-Schicht-Leute, die am Tag vorher noch klar hatten, dass sie früher losfahren müssten als diejenigen, die den Zug nehmen. Am Samstagmorgen waren sie allerdings die letzten, die sich auf den Weg machten und somit deutlich verspätet zum Workshop kamen...

Selbstorganisiertes Aufräumen nicht geklappt

Zum Ende des Wochenendes kam plötzlich (wie unerwartet... *g*) eine Aufbruchstimmung auf und bis auf wenige waren alle (JUKSSies und Selbstorga-Leute) ganz schnell weg. Es gab zwar vereinzelte Aufräum-Aktivitäten, aber die zurückgebliebenen Menschen aus der Projektwerkstatt waren frustriert, weil offensichtlich jede Menge Unordnung und Müll hinterlassen wurde.

Resümee

Es gab viel inhaltlich motivierendes an diesem Wochenende, insbesondere für mich persönlich. Viele Abläufe zeigen aber auch, dass trotz der Teilnahme an einem solchen Seminar - oder deswegen? - noch viele Defizite in Sachen Selbstorganisation vorliegen. Im Zuge der nächsten APO-Calypse-Veranstaltungen kann versucht werden, einen Teil davon abzubauen.

Ein Ergebnis dieses Seminars und der Magdeburger Praxis danach ist auch, dass es im September (25.9.-1.10.) hier eine Fortsetzung bzw. Wiederholung (je nach Standpunkt) geben wird, und zwar in Form einer ganzen Praxiswoche. Ich glaube, dass die inzwischen gesammelte Praxis in Verbindung mit diesem Seminar und den Mitschriften des Wikis eine gute Voraussetzung bieten, um solche Veranstaltungen jetzt selbst machen zu können.