2005-03:Moderne Sklavenarbeit

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Moderne Sklavenarbeit

Von Laura Green Zur Zeit wird mehr als drei viertel des gesamten Tabaks in den Ländern des Südens hergestellt. Um sich in die Lage der dort ausgebeuteten Bauern und FabrikarbeiterInnen hineinzuversetzen, ist es wichtig, die äußeren Gegebenheiten zu betrachten.

In einem Beispiel möchte ich einen der größten Tabakkonzerne und eines der vom Tabak abhängigsten Länder gegenüberstellen: British American Tobacco und

Malawi:
Seit den 1960ern wird in Malawi verstärkt Tabak angebaut. Tabak machte zwischenzeitlich sogar 75% der Exporterlöse aus, inzwischen ist dieser Anteil auf 58% gesunken. British American Tobacco macht einen Umsatz, der neun Mal so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt von Malawi. Trotz des starken Engagements des Landes im Tabakanbau und der gegenteiligen Versprechen der Konzerne ist Malawi immer noch eines der ärmsten Länder der Erde und liegt im UN-Development-Index auf Platz 163.

Irgendwo zwischen den Interessen der internationalen Zigarettenkonzerne und der Abhängigkeit der Regierungen befinden sich die Tabakbauern und FabrikarbeiterInnen. Der Gegensatz zwischen den großen Firmen und den armen Ländern ist bezeichnend für ihre Lage.

Vom Tabakfeld zur Fabrik - Wege der Vermarktung des Rohtabaks

Es gibt zwei verschiedene Wege, auf denen der getrocknete Tabak von den Bauern zu den Weiterverarbeitern gelangt: Das Auktions- und das Vertragssystem. Die verschiedenen Systeme sind oft mehr oder weniger verbreitet in einem jeweiligen Land. Das heißt, in dem einen Land (z.B. Malawi) gibt es fast nur das Auktionssystem, in einem anderen wiederum fast nur das Vertragssystem (z.B. Tansania).

Das Auktionssystem

Beim Auktionssystem bringen die Bauern ihre Ernte zu zentralen Auktionen. Durch den Wettbewerb zwischen verschiedenen Käufern erscheint das Auktionssystem das bessere der beiden Systeme zu sein. Doch bevor die Auktion beginnt, bestimmen die Käufer die Qualität des Tabaks und damit den Preis, ohne dass die Verkäufer oder eine Vertretung der Verkäufer Einfluss darauf hätte(n). Zudem gibt es in vielen Ländern einen oder zwei Monopolisten, die den größten Teil des Tabaks einer Auktion aufkaufen und damit die Preise diktieren. In Zimbabwe sind es zum Beispiel Dimon und Universal, die 70% der Auktionsware kaufen.

Das Vertragssystem

Die zweite Möglichkeit der Vermarktung des Rohtabaks neben den Auktionen ist es, einen Vertrag mit einer Tabakfirma (z. B. Dimon, Universal oder BAT) einzugehen. Dieser Vertrag bietet eine gewisse Sicherheit, denn die Firma ist verpflichtet, den Tabak am Ende der Saison abzunehmen.

Die Verträge bedeuten aber auch, dass die Bauern gezwungen sind, ausschließlich bei ihrem zukünftigen Abnehmer alles für den Anbau Nötige zu kaufen und den Tabak anschließend auch ausschließlich bei diesem abzuliefern. Die Großhändler verlangen hohe Summen für Saatgut, Dünger und Geräte und bestimmen nach der Ernte die Abnahmepreise für den Tabak.

Diese Preise sind fast immer zu niedrig, so dass die Bauern oft nicht einmal den Kredit tilgen können, den sie am Anfang der Saison bei dieser Firma aufgenommen haben, um Saatgut, Dünger, Geräte und Holztransporte zu bezahlen. Der Bauer hat kaum Möglichkeiten, auf die Bestimmung der Abnahmepreise für seinen Tabak Einfluss zu nehmen. Wenn er seinen Tabak nicht abgeben will, weil ihm der angebotene Preis zu niedrig ist, drohen die Firmen mit polizeilichen und gerichtlichen Maßnahmen.

„Betrayal, Blackmail and Robbery“ - Kenia

Samson Mwita Marva, ein ehemaliger Tabakbauer aus dem Kuria District in Kenia und jetziges Parlamentsmitglied, spricht in Bezug auf BAT von Verrat, Erpressung und Beraubung. Verrat, weil die Bauern BAT mit ihren Versprechungen vertrauten. Erpressung, weil BAT Bauern einfach aus ihrem Vertragsprogramm warfen und werfen, wenn sie „aufmüpfig“ werden und zum Beispiel Einspruch gegen die Preisfestlegung des Konzerns einlegen. Von „Ausraubung“ spricht er, weil die Bauern im Kuria District niemals ihre Arbeit und ihr Geld, dass sie in den Tabak gesteckt haben, wiederbekommen werden.

Im Kuria District gibt es seit 1969 Tabakanbau als sogenanntes „cash crop“. Zunächst schlossen sich die Bauern in Kooperativen zusammen, doch 1972 brach BAT in den Markt ein und machte einzelne Verträge mit den Bauern. Seit 1994 gibt es in Kenia ein Gesetz, laut dem niemand mehr Tabak von Bauern kaufen darf, die er nicht offiziell gesponsert hat (d.h. mit denen er nicht schon seit Anfang der Saison einen Vertrag hat). Dies war eine Reaktion auf die zunehmende Vertragsbrüchigkeit der unzufriedenen und verschuldeten Bauern. Im Jahre 1999 wurden 42% aller Verträge nicht erfüllt, das heißt, die Bauern machten nicht genug Ertrag, um ihre Kredite zurückzuzahlen. Kenia und Brasilien sind nur zwei von zahlreichen Beispielen für unfaire Vertragssysteme.

Die Situation von FabrikarbeiterInnen

Es gibt sehr wenige Informationen über die Situation von ArbeiterInnen in den Fabriken internationaler Tabakkonzerne. Über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken der US-amerikanischen Firma TTPL[1] in Tansania hat der Journalist John Waluye[2] allerdings folgendes herausgefunden:

Die ArbeiterInnen arbeiten in der Saisonzeit 12 Stunden Akkordtempo für knapp zwei Euro am Tag. Da sie oft nur unzureichende Schutzkleidung tragen, sind sie dem Risiko von Krankheiten wie Allergien, Herzleiden und Fruchtbarkeitsstörungen ausgesetzt. Während der Arbeit plagt sie oft starker Hustenreiz. In den Fabriken der Firmen Dimon und Universal sieht es sicherlich nicht anders aus.

Gesundheitsrisiken durch Pestizide und die Grüne Tabakkrankheit

Tabak ist ein sehr arbeitsintensives Anbauprodukt. Der Anbau von Tabak ist 100 Mal so aufwändig wie der Anbau von Weizen. Damit sich der Anbau lohnt, benötigt man große Mengen an Pestiziden und Düngemitteln. Diese schädigen die Böden und dringen ins Grundwasser ein. Außerdem haben sie große Gesundheitsrisiken.

Ich möchte die drei am meisten verwendeten Pestizide kurz vorstellen.

  1. Aldicarb
    Aldicarb ist eines der toxischsten Pestizide, schon bei einem Hundertstel Gramm tödlich. In Tierversuchen
    • verursacht Aldicarb chronische Schäden des Nervensystems
    • unterdrückt das Immunsystem und
    • kann Störungen der embryonalen Entwicklung verursachen.
    Aldicarb verursacht außerdem nachweislich genetische Defekte in menschlichen Zellen. Es enthält Dichlormethan, welches Hör- und Sehschäden und Schäden an Nieren und Leber verursacht.
    Aldicarb ist krebserregend und erbgutverändernd. Es ist toxisch für Vögel, Fische, Honigbienen, Regenwürmer, hat also auch Einfluss auf die Umwelt.
  2. Chlorpyrifos
    Chlorpyrifos ist ein weit verbreitetes Insektizid, das Organophosphate enthält. Die Benutzung wird mit erhöhten Selbstmordraten in Verbindung gebracht, es löst möglicherweise Depressionen aus.
    Beschwerden, die mit Chlorpyrifos in Verbindung gebracht werden:
    • Atembeschwerden
    • Bewusstlosigkeit
    • Übelkeit, Erbrechen
    • Durchfall
    • Krämpfe
    • Nervenschäden
    • Sehstörungen, Schwindel, verschwommener Blick
    Chlorpyrifos ist möglicherweise erbgutverändernd und fruchtschädigend.
    Es kontaminiert Luft, Grundwasser, Flüsse, Seen und Regenwasser: Rückstände können bis zu 25km vom Ort der Anwendung entfernt nachgewiesen werden.
  3. 1,3-Dichlorpropen
    1,3-Dichlorpropen ist ein hochgiftiges Desinfektionsmittel für Böden. Es verursacht
    • Atembeschwerden
    • Hautirritationen
    • Sehstörungen
  4. + Nierenschäden
    • Gendefekte bei Insekten und Säugetieren
    1,3-Dichlorpropen ist in Tierversuchen krebserregend. Es kontaminiert Grundwasser, Trinkwasser und Regenwasser.

Als würden die Risiken dieser Pestizide nicht ausreichen, ist auch noch der Tabak an sich hochgiftig[3] und verursacht die sogenannte Green Tobacco Sickness (GTS; Grüne Tabakkrankheit).

Die Grüne Tabakkrankheit tritt hauptsächlich während der Erntesaison auf und wird verursacht durch Aufnahme von Nikotin über die Haut (grüne Tabakblätter). Die Symptome sind einer Nikotinvergiftung sehr ähnlich:

  • Übelkeit, Erbrechen
  • Kopfschmerzen
  • Schwächeanfälle, Schwindel
  • Krämpfe
  • Atembeschwerden
  • Schwankungen des Blutdrucks und Pulses

Allein in Kenia gibt es jährlich 1000 Tote und 35.000 Vergiftete durch Pestizide (auf allen Farmen, also nicht nur auf Tabakfarmen). Man vermutet eine hohe Dunkelziffer, da es in ländlichen Gebieten an medizinischem Personal mangelt und daher weniger Fälle offiziell registriert werden. In Brasilien gibt es Schätzungen zufolge jährlich 300.000 Vergiftete durch Pestizide. In der Region Santa Catarina, in der hauptsächlich Tabak angebaut wird, haben laut Untersuchungen 79% aller Arbeiter auf Farmen Vergiftungserscheinungen. Ursache für diese hohen Zahlen ist fehlende Schutzkleidung. Sie ist zu teuer und nicht gemacht für tropische Regionen, ist die häufigste Begründung. Außerdem sind die Bauern und PlantagenarbeiterInnen oft nicht ausreichend aufgeklärt über die Risiken der Pestizide und des direkten Hautkontaktes mit den Tabakblättern.

Viel zu oft reden sich die internationalen Zigarettenkonzerne aus ihrer Verantwortung für die Lage heraus. Sie sagen, sie würden die Bauern aufklären über die Risiken der Pestizide und Düngemittel, obwohl dies oft nicht der Fall ist und obwohl sie für die Schutzkleidung zu hohe Preise verlangen. Zur wirtschaftlichen Lage der Bauern erklären die Konzerne, dass der Weltmarkt für Tabak eingebrochen sei. In Wirklichkeit war es von Anfang an ihre Strategie, Überproduktion herbeizuführen, um Länder und Tabakbauern abhängig zu machen; nun können sie die Abnahmepreise für Rohtabak festlegen, wie sie wollen.

Was die internationalen Tabakkonzerne in Afrika und den anderen Ländern des Südens betreiben, ist nichts anderes als moderne Sklavenhaltung. Die Autorin ist aktiv bei der Kampagne "Rauchzeichen! gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung durch Tabakkonzerne", http://www.rauchopfer.de.


Quellen

Die meisten Zahlen und Fallbeispiele sind entnommen aus einer Broschüre der Campaign for Tobacco Free Kids: Golden Leaf, Barren Harvest: The Costs of Tobacco Farming. S.7. Washington DC, 2001. Download: http://tobaccofreekids.org/campaign/global/FCTCreport1.pdf

Die Daten zu Malawi (Gegenüberstellung) sind von Welt-in-Zahlen.de: http://www.welt-in-zahlen.de/seite_ laenderinfo.php?land=Malawi Außerdem genutze Quellen sind das Buch und der Film „Rauchopfer“. Das Buch ist 2004 erschienen im Horlemann Verlag; der Film ist erhältlich bei Peter Heller von filmkraft (www.filmkraft.net).


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