2005-02:Risikobewusstsein psychologisch betrachtet

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Inhaltsverzeichnis

Risikobewusstsein psychologisch betrachtet

Volker Linneweber, Kathrin Pischel und Heidi Ittner - Institut für Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Warum ignorieren Menschen wichtige Warnhinweise für ihre Gesundheit? Warum reagieren sie oft erst, wenn es zu spät ist, obwohl ihnen die nötigen Informationen schon im Vorfeld zur Verfügung standen, und warum tun manche selbst dann nichts, während wiederum andere bereits lange vorher aktiv wurden? Wie kommt es, dass sich Menschen zum Schutz von Besitz und Leben engagieren und versuchen, bestehende Risiken zu mindern? Eine mögliche Antwort auf diese und andere Fragen zum Umgang des Menschen mit Gefahren und Risiken finden wir in der sozialpsychologischen Forschung in der Theorie selbstschützenden Verhaltens von Rogers und Prentice-Dunn (1997). Sie haben ein Prozessmodell entwickelt, welches es ermöglicht, den in einer Person stattfindenden Verarbeitungsprozess zu beleuchten, der dafür verantwortlich ist, dass verschiedene Personen in unterschiedlichem Maße selbstschützendes, vorsorgendes Verhalten ausführen. Hierbei unterscheiden sie drei Prozesskomponenten, die wir genauer betrachten wollen: die verschiedenen zugrunde liegenden Informationen, deren kognitiver Verarbeitungsprozess und das daraus resultierende Verhalten.

Die hier vorgestellte Theorie wurde ursprünglich zur Erklärung des Umgangs mit Gesundheitsrisiken (z.B. Rauchen) entwickelt, besitzt jedoch eine breite Gültigkeit und ist so auch für technologische und Naturgefahren einsetzbar. Am Beispiel eines Hausbesitzers in einem durch Hochwasser bedrohten Gebiet werden wir die einzelnen Komponenten veranschaulichen.

Die Wahrnehmung von Informationen als Grundlage des Prozesses

In die nachfolgende Bewertung gehen alle wahrgenommenen, bedrohungsbezogenen Informationen ein. Diese entstammen verschiedenen Quellen des Umfeldes oder der Person selbst.

Aus dem Umfeld erhalten wir sie durch unmittelbare Kommunikation (z.B. mit einer bereits geschädigten Person), durch Beobachtung dessen, wie andere mit der Situation umgehen, und aus den Medien (z.B. Tageszeitung, Fernsehen). Aber auch Faktoren in uns selbst bedingen die Verarbeitung der Informationen und damit den weiteren Prozess des Umgangs mit dem Risiko, so unsere bereits vorhandenen Vorerfahrungen mit ähnlichen Bedrohungssituationen sowie die ganz individuellen Persönlichkeitsmerkmale.

So ist es zum Beispiel von Bedeutung, ob das kommende das erste erlebte Hochwasser des Hausbesitzers sein wird oder ob er die Situation drohenden Hochwassers bereits kennt, und wenn ja, wie die bereits erlebten weiterhin verlaufen sind. Ebenso spielt es eine Rolle, ob er generell ein risikofreudiger oder eher ängstlicher Mensch ist, einer der auf andere zugeht oder alles allein schaffen will usw.

Die Bewertung und Verarbeitung der wahrgenommenen Informationen

Aus den Eingangsinformationen resultiert eine spezifische Bewertung der Gefahr selbst, d.h. der Größe der Bedrohung und ihrer Eintretenswahrscheinlichkeit. Ein gewisses Maß an Furcht ist ebenfalls erforderlich, damit eine weitere Verarbeitung erfolgen kann.

Durch diese subjektive Bewertung kann es sowohl zu einem fehlangepassten Umgang (z.B. Leugnen der Gefahr, Wunschdenken) als auch zu einer verhaltensbedingenden Motivation (d.h. einer Motivation, sich in Selbstschutz zu engagieren) kommen.

Die Wahrscheinlichkeit des fehlangepassten Umgangs wird durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst. Begünstigend wirkt die Wahrnehmung oder Erwartung von intrinsischen oder extrinsischen Belohnungen, also des Nutzens unangepassten Handelns. Dies kann im Fall des Rauchens die Befriedigung beim Rauchen sein, im Hochwasser-Beispiel möglicherweise nur die Bestätigung einer Meinung (”Das habe ich euch doch gleich gesagt!”) oder die Zustimmung von Nachbarn. Vermindernd wirkende Faktoren sind die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, durch fehlangepasstes Handeln der Bedrohung voll ausgesetzt zu sein und der subjektive Schweregrad des erwarteten Schadens (z.B. für Besitz, Leben, Selbstwertgefühl). Diese Kosten des unangepassten Handelns werden mit dessen Nutzen verglichen und ergeben zusammen die Gefahrenbewertung.

Angenommen, die bisherigen Hochwasserereignisse verliefen so, dass der Hausbesitzer in unserem Beispiel nicht betroffen war und umsonst unter großem Aufwand sein Haus gesichert hatte, dann wird er auch die nun bevorstehende Gefahr als eher gering bewerten. Wenn das Hochwasser hingegen sein Haus erreichte und er mit den getroffenen Maßnahmen erfolgreich war, dann wird er die Gefahr wahrscheinlich höher einschätzen.

Wenn die Sicherungsmaßnahmen allerdings nichts genutzt haben oder er dennoch einen Schaden erleiden musste, so kann es sein, dass er, vielleicht in Übereinstimmung mit seinen Nachbarn, die Gefahr nun klein reden wird oder sich in die Hoffnung flüchtet, dass sein Haus diesmal verschont bleibt. Er zeigt also fehlangepasstes Verhalten und bleibt untätig. Andererseits kann diese Erfahrung auch dazu führen, dass er bereits frühzeitig aktiv wird und motiviert ist, sein Haus diesmal besser zu schützen.

Die Bewertung der Bewältigungsmöglichkeiten ist ebenfalls bedeutend. Ähnlich wie bei der Gefahrenbewertung werden verschiedene Faktoren gegeneinander aufgerechnet. Bei negativem Ergebnis dieses Bewertungsvorgangs resultiert fehlangepasster Umgang, bei positivem jedoch resultiert eine verhaltensbedingende Motivation.

Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit dieser Selbstschutzmotivation erhöhen, sind die Wahrnehmung von zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten (d.h. ob man etwas tun kann und was das ist) und der eigenen Möglichkeit, diese Handlungen auch auszuführen (d.h. wie effizient man etwas tun kann). Als vermindernder Faktor wirken die mit dem selbstschützenden Verhalten einhergehenden Kosten (z.B. materieller und emotionaler Aufwand).

Ein negatives Bewertungsergebnis läge zum Beispiel vor, wenn der Hausbesitzer meint, nichts gegen die anrollende Gefahr tun zu können, oder wenn er glaubt, sein Haus mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (z.B. bezogen auf finanzielle Mittel oder seine Fähigkeiten) nur unzureichend schützen zu können. Selbst wenn ihm eine Methode bekannt wäre, die ihn gut schützen könnte, diese jedoch in ihrer Anwendung zu viel Geld oder Zeit kosten würde, oder im Vergleich zum geschützten Wert des Hauses (als Objekt und ideell) ein zu großer Aufwand wäre, so würde er resignieren oder ein anderes fehlangepasstes Verhalten zeigen.

Ein positives Ergebnis der Bewältigungsbewertung wäre es, wenn der Hausbesitzer zum Beispiel in den Medien von einer neuen viel versprecheden oder einer kostengünstigen Methode gehört hätte oder wenn er in zurückliegenden Hochwassersituationen bereits positive Erfahrungen gesammelt hat und sich daher in der Lage fühlt, die nötigen Arbeiten kompetent durchzuführen. Verstärkt werden würde dies z.B. durch eine hohe wahrgenommene Unterstützung durch Freunde, Familie etc. sowie das subjektive Gefühl, über ausreichende und umfassende Informationen zu verfügen.

Das aus dem Prozess resultierende Verhalten

Sowohl die Gefahrenbewertung (als hoch und sehr wahrscheinlich) als auch die positive Bewertung der Möglichkeiten zur Bewältigung der Gefahr wirken verstärkend auf die Selbstschutzmotivation und somit auf das selbstschützende Verhalten. Demnach ist die Motivation zu selbstschützendem, vorsorgendem Verhalten am stärksten, wenn sowohl die Gefahr als auch die Möglichkeiten ihr zu begegnen subjektiv als hoch bewertet werden.

Je nachdem wie hoch oder gering die resultierede Motivation zum Selbstschutz ist, die auch durch das Ausführen fehlangepassten Handelns beeinflusst wird, so hoch oder gering kann das folgende selbstschützende Verhalten sein.

Das gewählte Beispiel verdeutlicht, dass gerade im Umgang mit technologischen und Naturgefahren sehr viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Die Aufklärung der Bevölkerung und das zur Verfügung stellen der grundlegenden Informationen sind zwar ein erster Schritt, führen jedoch nicht unbedingt zum (z.B. von Behörden, Aktivisten) beabsichtigten Verhalten.

Für den Anwendungszusammenhang des Endlagers Morsleben ergibt sich vor dem Hintergrund dieser Theorie umfangreicher Forschungsbedarf. So kann bei jeder Prozesskomponente sowohl auf individueller als auch auf aggregierter Ebene bzw. im Umfeld analysiert werden, welche Einflüsse wirken und wie die einzelnen Komponenten ausgeprägt sind.