2005-02:Freie Radikale aber keine kritische Masse

Aus grünes blatt
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Freie Radikale aber keine kritische Masse

svo Der Tag ist noch nicht allzu alt, ich steige aus dem Zug und mich begrüßt eine bewölkte, langsam aufwachende Stadt, in der sich Hochhaus an Hochhaus reiht. Durch den Straßendschungel schlage ich den Weg zur Alten Oper ein. Es ist zehn Uhr. Während ich Diabolo spiele, beobachte ich die Szene. Ein Kleinlaster fährt vorbei, wendet, fährt über den Platz und parkt neben dem Ausgang der U-Bahn. Mein Player spielt "Scheint die Sonne auch für Nazis?" von den Ärzten. Es fängt an zu regnen. Auf dem Anhänger eine halb aufgebaute Plakatwand, von der ein abgeschnittenes "iss uns nicht" prangt. Es ist der Lautsprecherwagen der Sekte Universelles Leben, die hier gegen Entscheidungsfreiheit und für mehr Gesetze demonstrieren will. Gesetze, die Fleisch verbieten sollen. Gesetze, die den Menschen das Denken abnehmen sollen. Gesetze. Zwang.

Der erste Reisebus hält, etwa 50 Menschen, vorwiegend ältere, steigen aus. Sie tragen Schilder. Sechs weitere Reisebusse, einige mit Anfahrtswegen jenseits der Alpen, werden hier noch halten und ihre menschliche Fracht auf den Opernplatz entleeren.

Ich schlendere so über den Platz, ein Mensch gibt den anderen Sektenanhängenden Demotipps. "Wenn es Ärger gibt, bilden wir Ketten, das heißt, wir haken uns in den Armen ein". Ich frage mich, was die vorwiegend alten Menschen vorhaben. Oder haben sie Angst vor Protesten? Noch einmal packe ich das Diabolo aus und spiele. Zwei Menschen kommen auf mich zu und sehen mir zu. "Toll machst Du das." Ich frage, ob sie auch zur Sekte gehören. Der jüngere Mensch meint "Nein, zur Sekte gehöre ich nicht. Ich arbeite nur auf einem der Höfe". Auf die Frage, ob der Mensch die Inhalte auch hinterfragt, bekomme ich nur zu hören, dass es schon komisch sei, was "man so hört", aber Kritik nicht thematisiert würde. Ich wende mich schließlich mit den Worten "Wir sehn uns auf den Barrikaden" ab. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz, angekarrt wie die Jubeldemonstranten zum Schahbesuch.

Am Horizont entdecke ich ein Grüppchen, das so gar nicht ins Bild der Sekte passen will. Ich gehe zu ihnen. Es sind antispeziesistische Menschen, die widerständig sein wollen. Etwa 25 Leute. Ich hatte schon fast die Hoffnung verloren. Wir begrüßen uns zärtlich und teilen Flugblätter aus, die ein Mensch kopiert hat, ich packe ein Megaphon aus. Schon naht der Versammlungsleitende mit einem Polizeimenschen im Schlepptau. "Guten Tag" sagt die Ordnungsmacht "Was habt ihr denn vor?" Natürlich wollen wir bei der Demonstration mitmischen, in Form einer kritischen Teilnahme an der Versammlung. Der Versammlungsleitende schaut entsetzt, aber der Polizeimensch erklärt ihm, dass das gesetzmäßig sei. Manchmal ist sogar die Polizei nett. Einen letzten Vorstoß wagt der Beauftragte der Sekte noch, indem er fragt, ob ein Megaphon nicht sehr laut sei. Suggestivfragen gehen auch mal nach hinten los. Resigniert muss er sich erklären lassen, dass es der Sinn und Zweck eines Megaphons ist, laut zu sein. Ich habe den Eindruck, dass der Polizeimensch gegrinst hat.

Wir finden den Konsens, vor dem Aufmarsch der Sekte herzugehen. Mit dem Megaphon werden die Menschen in Frankfurt darüber informiert, dass es sich um die Sekte Universelles Leben handelt, deren Gurufigur Gabriele Wittek sich für das Sprachrohr Gottes hält und in ihren Schriften antisemitische Inhalte transportiert. Die Passierenden werden aufgefordert, mit der Propaganda der Sekte kritisch umzugehen und deren Inhalte zu hinterfragen.

Der größte Teil der Sektenpropaganda landet auf dem Boden oder bestenfalls im Papierkorb. Es dauert nicht lange, bis erste Sektenanhänger zu uns stoßen und anfangen, uns zu stören. Es werden - trotz der Aufforderung dies zu unterlassen - Portraitfotos von den Protestierenden gemacht, unsere Durchsagen werden mitgeschnitten, wir werden abgefilmt. Nicht von der Presse, die Sekte hat eigene Kameraleute. Trotzdem werden von den kritischen Demoteilnehmenden Flugblätter mit exemplarischen antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Zitaten von Funktionären und Führungspersonen der Sekte verteilt. Leider nicht lange, da diesen Flugblättern eine Angabe des presserechtlich verantwortlichen Menschen fehlt. Nicht alle Sektenmenschen bleiben friedlich, einige pöbeln uns an und beleidigen uns sogar als "Arschlšcher".

Wir bleiben gelassen. Wie ferngesteuert beten die Sektenanhängenden herunter "Wenn ihr gegen uns seid, dann seid ihr gegen die Tiere". Einen kausalen Zusammenhang, der diese Behauptung untermauern könnte habe ich an keiner Stelle vernommen. Wie von einem aufgebrachten Mob werden wir mehr und mehr bedrängt. Bei den Diskussionen mit dem gesprächsbereiteren Teil der Sekte über die Kritik an deren antisemitischen Inhalten bekommen wir Dinge wie "Hör doch auf mit dem Antisemitismus. Hier geht es um Tiere. Wenn du für die Juden bist, dann geh doch wo anders hin" oder "Was interessiert mich der Holocaust? Die Tierghettos, darum geht es hier" zu hören. Ja, "Tierghettos". Da ein Vergleich von industrieller Massentierhaltung mit Konzentrationslagern nicht mehr p.c. oder zumindest strafbar ist, wird nun eben auf andere Nazi-Terminologie zurückgegriffen. Mit Sektenmenschen, die gegen derartigen Nazidreck sind, spreche ich auf der Demo nicht. Mit Leuten, die dennoch von "Tier-KZs" reden allerdings schon.

Die offiziellen Inhalte der Sektendemonstration unterscheiden sich unwesentlich von den Forderungen von Tierschützenden. Da wird gefordert, an Schulen Tierschutzzwangsunterricht einzuführen oder Fleisch als Genußmittel [sic!] zu deklarieren. Eine Kritik an den Inhalten der Sekte, die von nicht wenigen vermeinlichen Tierrechtsorganisationen unhinterfragt übernommen werden, findet sich im Veganismus-Blog. (http://www.veganismus-blog.de/?p=103)

Als wir auf der Zeil sind, der Frankfurter Konsummeile, versucht ein Sektenanhängender unsere Megaphondurchsagen mit einem Sirenengeräusch zu übertönen. Er hört trotz der Aufforderung, die Meinungsfreiheit zu respektieren, erst auf, als die Polizei ihm Konsequenzen androht. Ein Beispiel, wie die Sekte mit Kritik umgeht. Ich denke, es gibt Dinge, die sogar die im Dienst neutralsten Polizisti kritikwürdig finden.

Ob Ironie des Schicksals oder bewusste Provokation: Auf dem Platz der Bücherverbrennung findet die Abschlußkundgebung der Sekte statt, hier wird nochmal der multimediale Overkill ausgepackt und die Sektendemomitlaufenden eilen zum Essensstand, wo es neben dem "Gabrielebrief", Gabriele-Devotionalien und anderen religiösen UL-Schriften und -Krimskrams auch Essen "ohne Fleisch" gibt.

Noch nach dem offiziellen Ende der Demonstration verteilen Anhängende der Sekte ihre Propaganda in der Frankfurter Fußgängerzone.